Horst Seehofer in Stuttgart nach den Randalen.
+
Horst Seehofer in Stuttgart nach den Randalen.

Stuttgart, Polizeigewalt und die „taz“

Horst Seehofer: Rassismus und enthemmte Sprache kann er auch

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
    schließen

Nach Stuttgart und dem Ärger mit der taz sagt Horst Seehofer: Worte können zu Gewaltexzessen führen. Da spricht ein wahrer Experte.

Deutschlands Innen- und Heimatminister Horst Seehofer (CSU) hat sich geschickt ins Rampenlicht der sozialen Netzwerke manövriert. Dafür musste er gar nicht viel machen, einfach nur mit einer Anzeige gegen „taz“-Autor:in Hengameh Yaghoobifarah drohen, weil diese aus Seehofers Perspektive mit einem satirischen Text über die Polizei die Grenzen des Sagbaren überschritten habe.

Horst Seehofer und seine Deutung der Stuttgart-Randale

„Eine Enthemmung der Worte führt unweigerlich zur Enthemmung der Taten und zu Gewaltexzessen, wie wir das jetzt in Stuttgart gesehen haben!“, hatte der Innenminister seine Anzeigen-Drohung begründet. Nun ist nicht davon auszugehen, dass die Stuttgart-Randalierertaz“-Leser waren, doch an einer Stelle hat Seehofer recht: Worte müssen nicht, können aber in Taten münden.

Nicht nur Yaghoobifarah, auch Horst Seehofer sagt eine ganze Menge. Daher ist es an der Zeit, an Aussagen des gebürtigen Ingolstädters zu erinnern. Kleiner Spoiler: Mit „Enthemmung der Worte“ kennt der sich bestens aus.

Gegen Zuwanderung bis zur letzten Patrone? Horst Seehofer

Beginnen wir 2011, es war der politische Aschermittwoch der „Christsozialen“. „Wir werden uns gegen Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wehren – bis zur letzten Patrone“, schmetterte Seehofer in gepflegter Bieratmosphäre seinen Anhängern entgegen. Oha, war das jetzt satirisch gemeint? Wenig wahrscheinlich, immerhin erhebt der Mann die deutsche „Leitkultur“, wozu auch das Sozialsystem gehören dürfte, gerne zum Ideal. Die Patrone scheint ebenfalls Teil der „Leitkultur“ zu sein, was immerhin historisch gedeckt wäre.

Durch den Rost fällt bei Seehofer dagegen der Islam – der gehöre nämlich nicht zu Deutschland. Das jedenfalls steckte er 2018 der „Bild“, als ob die das nicht längst geahnt hätte. Worte eines Politikers mit Bedacht, die immerhin den Glauben von zirka fünf Millionen in diesem Land lebenden Menschen als abseitig markieren. Warum eigentlich? Weil Muslime keine Weißwurst essen? Später sollte er – wenig glaubwürdig – zurückrudern.

Doch weiter im Text. Eine beeindruckend geschmacklose Perle aus Seehofers Sprachfundus stammt gleichsam von 2018. Da wurde der Mann 69 Jahre alt, und just an diesem Tag – Vorsicht: Schenkelklopfer – startete von München aus ein Abschiebeflug mit 69 Menschen an Bord.

Seehofer hat ein Rassismus-Problem

„Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war“, diktierte Seehofer grinsend der Presse in die Feder. Scheint so, als habe er damals zur Feier des Tages einen schlechten Clown gefrühstückt.

Aber einer geht noch. Bezüglich der Seenotrettung soll sich Seehofer sinngemäß gegen einen „Taxi-Dienst“ nach Europa ausgesprochen haben. Wobei das unter „gängige CSU-Schule“ läuft – immerhin hatte Markus Söder einst den „Asyltourismus“ in die Debatte eingebracht. Reisemetaphern sind bei den Christlichen offenbar beliebt, um Alltagshandlungen von Wohlstandsgesellschaften mit der Not auf der Flucht zu verknüpfen, die eben dadurch negiert wird.

Genau aus solchen Worten werden de facto Taten. Weil aus staatstragendem Munde Menschen erniedrigt, ausgegrenzt, abgewertet werden. Weil die Worte zynisch daher kommen und eine Empathie vermissen lassen, die eigentlich Konsens sein sollte. Und weil die Ursache für solche Worte Rassismus ist – die Taten, die daraus folgen, sind die logische Konsequenz. Das sollte dem Heimatminister eigentlich bewusst sein. 

Katja Thorwarth ist Autorin und Online-Redakteurin.

Nach der angedrohten Anzeige von Bundesinnenminister Horst Seehofer kommt es für die Tageszeitung „taz“ noch dicker: Die konservative Werteunion will die „taz“ vom Verfassungsschutz beobachten lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare