Zahlreiche Menschen demonstrieren im Stadtgarten gegen Rassismus
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Proteste gegen Rassismus bleiben an der Tagesordnung.

Rassismus

Stammbaumforschung in Stuttgart: Als ob es noch Rassengesetze gäbe

  • vonManfred Niekisch
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Rassen gibt es nur bei Nutztieren. Rassismus ist immer eine Gefahr, selbst wenn er scheinbar harmlos daherkommt. Der Stammbaum sagt nichts über den Menschen aus. Die Niekisch-Kolumne.

Rassen spielen eine wichtige Rolle in der Geschichte der Menschheit. Aus Wolfswelpen züchtete der Mensch die ersten Haustiere. Schnell entstanden durch geschickte Auswahl und Kreuzungen ganz unterschiedliche Hunderassen mit besonderen Eigenschaften. Hütehunde, Jagdhunde, Schoßhündchen, Windhunde, Spürhunde, für jeden Bedarf des Menschen gibt es Züchtungen.

Rassen gibt es nur bei Nutztieren

Auch wenn man es kaum glauben mag, vom Mops bis zum Bernhardiner, alle stammen sie vom Wolf ab. Wenn sie den Zweck erfüllen, zu dem sie herangezüchtet wurden, wird schon einmal Nachteiliges in der Hundegesundheit in Kauf genommen: Die Möpse mit ihren drollig zerknautschen Gesichtern und den daraus resultierenden Atemproblemen, die Hüftgelenksprobleme beim hinten dynamisch, aber unnatürlich tiefergelegten Schäferhund, die Dackellähme, ausgelöst durch eine genetisch bedingte Störung des Knorpelwachstums, welche nicht nur Dackel befällt, Augenentzündungen beim Cockerspaniel – die Liste solcher Schwachstellen ist lang. Und da es nicht gelang, dem Dobermann im Interesse eines möglichst aggressiven Aussehens die Schlappohren wegzuzüchten, spitzte man sie bis vor kurzem brutal mit der Schere zurecht.

Jede Nutztierart wurde auf die gewünschte Nutzbarkeit hin in unterschiedlichen Merkmalen optimiert. Die Rassen von Pferden, Kühen, Schafen, Ziegen, Schweinen, Kaninchen und Geflügel, die vielen Sonderformen von Tieren fürs Labor, sie alle ermöglichen, dass der Mensch ganz verschiedene Landschaften und Lebensräume bewirtschaftet, aus ihnen Nahrung und Kleidung gewinnt und Forschung betreibt. Manche zieht er sie sogar für die Freizeitgestaltung heran.

Innerhalb der Menschheit gibt es keine Rassen

Schlecht sähe es aus um das Menschengeschlecht ohne all die gezüchteten Tierrassen. Im Unterschied dazu müssen Wildtiere rundum fit sein. Die Natur kann es sich nicht erlauben, auf einzelne Merkmale hin zu züchten, deswegen gibt es bei Wildtierarten keine solchen Rassen.

Allergrößter Unsinn ist es, anzunehmen, es gäbe auch innerhalb der Menschheit verschiedene Rassen. Von solchem – wissenschaftlich längst widerlegtem – Glauben hin zu Fremdenhass und Rassismus ist es nur ein kleiner Schritt. Einige wenige äußere Merkmale wie die Hautfarbe, aber auch Glaubenszugehörigkeiten werden von Rassisten genutzt, um die Überlegenheit der eigenen „Rasse“ zu propagieren. Und, in logischer Fortführung dessen, Feindbilder zu produzieren und im Extremfall die vermeintlich Anderen auszulöschen.

Stammbaumforschung in Stuttgart: Ganz so, als ob es noch Rassengesetze gäbe

Selbst versteckte Ansätze können sich schnell zu Flächenbränden ausweiten. Da darf es eigentlich nichts anderes als Entsetzen und Empörung geben, wenn bekannt wird, dass deutsche Polizisten nach den Stuttgarter Krawallen Stammbaumforschung betrieben, so als ob es noch Rassengesetze gäbe. Welcher ethnischen Gruppe lassen sich – vermeintliche – Übeltäter zuordnen?

Ähnlich sinnvoll könnte die mallorquinische Polizei bei randalierenden deutschen Touristen auch nachforschen, ob dunkelhaarige Biertrinker mit bayerischen Wurzeln am Ballermann mehr Schandtaten begehen als blonde Nordlichter, die eher dem Kümmelschnaps zugesprochen haben. Auch wenn sie albern, harmlos oder absurd erscheinen, darf ein Rechtsstaat solche Ansätze keinesfalls dulden. (Manfred Niekisch)

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