Ignorieren? Kein Problem. Bei der Zeitungslektüre ist dem Meinen und Staunen unser Kolumnisten leicht zu entgehen.
+
Ignorieren? Kein Problem. Bei der Zeitungslektüre ist dem Meinen und Staunen unser Kolumnisten leicht zu entgehen.

Kolumne

Randbemerkungen

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
    schließen

Hasse ich sie, die Kolumnisten? Oder sind sie mir gleichgültig? Reibe ich mich an der Eleganz und Leichtigkeit ihrer Texte? Die Kolumne.

Keine Ahnung, wodurch es ausgelöst wurde, aber seit einiger Zeit reagiere ich allergisch auf Kolumnen und Kolumnisten. Okay, in der Zeitung sind sie mühelos zu überblättern. Man muss ja nicht lesen, was da meist an den Rändern des Blattes den Blick auf die Sensationen des Gewöhnlichen lenken möchte, die wir dem Alltag zurechnen. Kolumnisten schreiben über Baumärkte, das Gendersternchen und das Landleben, alles, was man vorfindet, wenn man mal kurz vom Schreibtisch aufschaut und sich in der Welt umsieht.

Ignorieren? Kein Problem. Bei der Zeitungslektüre ist dem Meinen und Staunen unser Kolumnisten leicht zu entgehen. Einfach die Textsorten weglassen, die damit zu verlocken versuchen, die Ungereimtheiten des Lebens innerhalb von zwei Minuten Lesezeit ganz neu zu sortieren. Kolumnisten wollen den Leser mit ihrer bescheidenen Harmlosigkeit ja nicht lange aufhalten. Schnelligkeit ist ihr großes Versprechen, auch wenn sie mitunter arg langsam von einem Gedanken zum anderen gelangen. Fast immer wollen sie sagen: Ich habe auch keine Ahnung, aber ich wechsele jetzt mal die Perspektive.

Seit geraumer Zeit begegnet man Kolumnisten immer häufiger im Radio. Sie sprechen betont schleppend, als wollten sie sich ganz ausdrücklich bei der Ausübung ihrer demonstrativen Naivität und Arglosigkeit erwischen lassen. Der Kolumnist meint ja bloß. Er hüpft von hier nach dort und ist sorgsam darauf bedacht, den eben noch geäußerten Gedanken nicht als dringliches Argument erscheinen zu lassen. Der Kolumnist verachtet den Kollegen Leitartikler und will sich ausdrücklich von ihm unterscheiden.

Seit ein paar Monaten beschäftigt sich die Kolumnisten bevorzugt mit Homeoffice und Maskentragen. Über was man so schreibt, wenn man vom Eckfenster aus auf die Straße blickt.

Im Radio aber liest der Kolumnist nicht einfach nur seinen Text vor. Manch einer von ihnen haucht seine sensiblen Empfindungen ins Mikrofon, als gelte es, dem Gewicht der Welt eine Stimme zu verleihen, deren Schwere dadurch entstanden zu sein scheint, dass ein ungeübter Sprecher zu nah ans Mikrofon geraten ist.

Einer von ihnen, ein weithin geschätzter Kollege einer großen deutschen Wochenzeitung, intoniert derart erotisch aufgeladen in das Tonaufzeichnungsinstrument, dass man sich dem Wortsinn bereitwillig ergibt, ohne ihm in die letzten Windungen seines Gedankengangs zu folgen. Der Kolumnist will ein Verführer sein. Grober Unfug? Gerne, wenn er nur gut vorgetragen wird.

Andere wiederum gehen derart vorsichtig zu Werke, dass jeder ihrer ausgesprochenen Sätze wie ein vorläufiges Probehandeln klingt. Der Kolumnist will kein Erklärbär sein, vielmehr tapst er stellvertretend für seine Leserinnen und Leser durch die neue Unübersichtlichkeit.

Todesmutig begibt er sich ins Umland, um sich dort mit den seltsamen Gepflogenheiten der Provinzler zu beschäftigen. Fast immer hat der Kolumnist einen Zweitwohnsitz auf dem Land, um exotische Stoffe für die nächste Lieferung generieren zu können.

Hasse ich sie, die Kolumnisten? Oder sind sie mir gleichgültig? Reibe ich mich an der Eleganz und Leichtigkeit ihrer Hervorbringungen? Die Kolumnisten meiden die Gefahr, sich festlegen zu lassen. Nicht mehr und nicht weniger wollte ich einmal gesagt haben. Ist ja bloß eine Kolumne.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare