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Putin muss warten

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Von: Harry Nutt

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Ist es nicht gewohnt zu warten: der russische Präsident Putin – der hier beim Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg auf den bulgarischen Präsidenten warten muss. (Archivbild 2019)
Ist es nicht gewohnt zu warten: der russische Präsident Putin – der hier beim Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg auf den bulgarischen Präsidenten warten muss. (Archivbild 2019) © Yuri Kochetkov/dpa

Anmerkungen zur Philosophie des Wartens unter Zuhilfenahme einer kleinen Bildgeschichte über den russischen Diktator. Die Kolumne.

Die Pandemie, so wurde unlängst von höchster Warte aus mitgeteilt, ist vorbei. Wer dennoch auf steigende Fallzahlen und Inzidenzen schaut, hat den Move der Zeit nicht kapiert und läuft Gefahr, Gefangener oder Gefangene eines postpandemischen Verhaltens zu bleiben.

Was ist bloß los mit mir, dass ich es weiterhin bevorzuge, in öffentlichen Räumen eine Maske zu tragen? Schlimmer noch: Beinahe unbemerkt bin ich dazu übergegangen, ein kleines Ladengeschäft erst dann zu betreten, wenn ein anderer es vor mir verlassen hat.

„Wir müssen leider draußen bleiben“ lautete einst das Gebot für Hunde, das ich mir, zumindest vorübergehend, zu eigen gemacht habe. Schönreden hilft. Wenn es nicht gerade regnet, gibt es nichts Angenehmeres als die Wahrnehmung vergehender Zeit als wohlige Pause im Freien.

Beim Autofahren, so hat eine kleine Kasuistik des Wartens ergeben, vermag die angestaute Zeit indes ganz andere Gefühlslagen auszulösen. Meine Berliner Wohnung liegt an einer Einbahnstraße mit Baumbestand, in der es immer wieder vorkommt, dass andere Bewohnerinnen oder Bewohner aufgrund der Parkraumknappheit zum Entladen ihres Fahrzeugs in der Mitte der Straße halten. Kein Problem, unter Nachbarn arrangiert man sich, es dauert ja nicht lange.

Die eingeübte Gelassenheit kann aber bald in Zorneswallungen umschlagen, wenn das Gebot wechselseitiger Rücksichtnahme einseitig verletzt wird. So fand ich mich kürzlich inmitten eines hitzigen Wortgefechts wieder, weil der Fahrer eines kleinen Transporters eines Paketdienstes – DHL, UPS oder so – sich gar nicht erst die Mühe gemacht hatte, eine vorhandene Parklücke zum Abstellen seines Gefährts zu nutzen. Als ich ihn unter Verwendung eines Schimpfwortes, für das ich mich hernach sogleich über mich selbst ärgerte, zur Rede stellte, antwortete er genüsslich: „Jetzt dauert es erst recht noch ein bisschen länger.“

Aus der Erfahrung des ungeduldigen Wartens in der Schlange hat die Philosophin Simone Weil die Idee eines „reinen Wartens“ entwickelt. Sie schlägt vor, sich vom erhofften Ziel des Anstehens oder Schlangestehens zu lösen – so gut es geht. Anstatt auf Belohnung oder gar Erlösung zu hoffen, empfiehlt sie, die endlos gedehnt erscheinende Dauer des Augenblicks als himmlisch befreiendes Versprechen zu nehmen, demzufolge es heißt: Die Letzten werden die Ersten sein.

Im machtpolitischen Terrain sind die Erfolgschancen für spirituelle Ratschläge allerdings begrenzt. Eine pikante Studie über Verhaltensformen des Wartens hat unlängst die ARD-Sendung „Hart aber fair“ angestellt.

Sie montierte vier Bewegtbildbeispiele, in denen der russische Staatspräsident Wladimir Putin bei der Verrichtung nervöser Übersprungshandlungen wie dem Sortieren von Merkzetteln vor wechselnden Nationalflaggen gezeigt wurde, während er auf den Empfang durch seinesgleichen wartete. Sowohl das kirgisische, türkische, indische und aserbaidschanische Staatsoberhaupt waren Putin mit mutmaßlich kalkulierter Verspätung begegnet. Er musste warten.

Für einige Augenblicke schien es, als sei von dem einst mächtigen Mann, dem es beliebte, anderes Personal der Zeitgeschichte an viel zu langen Tischen zu platzieren, kaum mehr übrig als der unsichere Junge, der von einem Bein auf das andere wechselt. Keine Spur von reinem Warten oder der Aussicht auf Erlösung.

Harry Nutt ist Autor.

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