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Pulli an, Putin aus

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Von: Inge Günther

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Eine ukrainische Fahne weht auf dem Dach des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Foto: Jörg Carstensen/dpa
Eine ukrainische Fahne weht auf dem Dach des Deutschen Historischen Museums in Berlin. © Jörg Carstensen/dpa

Russlands Krieg und die Solidarität mit der überfallenen Ukraine ist allgegenwärtig. Der 68er-Slogan, das Politische nicht vom Privaten trennen, wirkt auf neue Art aktuell. Die Kolumne.

Soli-Botschaften mit der Ukraine sind in. In Berlin, wo die Kriegsflüchtlinge täglich zu Tausenden eintreffen, sind sie besonders augenfällig. „Pulli an, Putin aus“, prangt in Kreideschrift auf der Tafel eines Straßencafés nahe dem Charlottenburger Schloss. Ein Protest, der nichts kostet und zugleich Gäste anlockt.

Dem Ungemach mit Pfiff zu begegnen, baut trotzdem auf. Genauso wie die blau-gelbe Riesenfahne im Schlepptau eines Sportflugzeugs, das dieser Tage am Himmel über Berlin seine Kreise zog, nicht nur den Blick aufrichtet.

Weil es im Kopf ja kaum auszuhalten ist, was nun bereits in vierter Woche in diesem Land geschieht, das ein machthungriger Möchtegern-Zar gewaltsam unterjochen will.

Auch ohne Osteuropa-Expertin zu sein, kommt das Thema unweigerlich auf. Beim Kaffee mit der Nachbarin, die Putin eine narzisstische Persönlichkeitsstörung attestiert. Beim Austausch mit einer befreundeten alleinerziehenden Mutter dreier Kinder, die schon die Vorstellung plagt, ihren Ältesten, gerade 18 geworden, der Landesverteidigung überlassen zu müssen – wäre sie Ukrainerin. Sogar bei meinem Friseurtermin geht es zwischen Haareschneiden und Föhnen um Krieg und Frieden, gefolgt von der besorgten Frage, wohin man sich abmachen wolle, sollte sich Putins Krieg ausweiten.

Ver-rückte Zeiten. Unsere gewohnten Links-Rechts-Koordinaten ähneln einstürzenden Altbauten. Der alte 68er-Slogan, das Politische nicht vom Privaten zu trennen, wirkt auf neue Art aktuell. Vielleicht ist unsere Aufnahme- und Hilfsbereitschaft für die Menschen aus der Ukraine, die vor russischem Bombardement fliehen, auch deshalb so immens, weil der Gedanke nicht mehr so abwegig erscheint, einmal selbst in ihre Lage zu geraten.

Eindeutiger Spitzenreiter in Sachen Willkommenskultur ist aktuell natürlich Polen, das bald zwei Millionen ukrainischer Flüchtlinge offenherzig empfangen hat. Seine Abschottung der belarussischen Grenze, um zweitrangige, da nicht-europäische Flüchtlinge außen vor zu lassen, vergessen wir da gerne mal. Die Verteidigung des freien Europa scheint vorzugehen. Heldenhaft geführt von der Ukraine gegen die militärische Übermacht Russlands. Wir lieben Wolodymyr Selenskyj dafür. Und unterstützen ihn und seine mutigen Landsleute nun ja – nach Kräften. Aber eben nicht zum Preis eines Embargos für russisches Gas und Öl, das die deutsche Wirtschaft und unseren Lebensstandard in Bedrängnis bringen könnte. Gute Gründe gewiss, die nur fatalerweise Putins Kassen weiter füllen.

Auf Twitter finden sich dazu bitterböse Kommentare. So wie jener, der die Frage aufwirft, „ob in 30, 40 Jahren in den Geschichtsbüchern es über diesen Krieg heißen wird, dass die Europäer – voran die Deutschen – ihn hätten verkürzen können. Aber es war zu teuer.“

Mir würde schon zu wissen reichen, was in 30, 40 Tagen darüber gedacht wird. Und so klammern wir uns an die aufkeimende Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit zu einem ausgehandelten Waffenstillstand kommt, die eine mit Abstrichen unabhängige Ukraine ermöglicht.

Meine Jahre in Jerusalem, während derer ich einen Libanonkrieg (2006) und nachfolgend dreieinhalb Gaza-Kriege miterlebt habe, haben mich allerdings auch gelehrt, dass vor Waffenruhen meist noch mal heftigst zugeschlagen wird.

Frei nach der Devise, was Gewalt nicht vermag, kann mehr Gewalt erzwingen. Bis Putin begreift, dass dies eine Illusion ist, werden wir uns allerdings noch ganz schön warm anziehen müssen.

Inge Günther ist Autorin.

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