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Von einem freien Platz in der Psychtherapie kann man allerdings leider oft nur träumen.
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Von einem freien Platz in der Psychtherapie kann man allerdings leider oft nur träumen.

Kolumne

Das System versagt

  • vonJoane Studnik
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Wer einen Platz für Psychotherapie sucht, wird oft abgewimmelt. Anfragen bleiben unbeantwortet. Das System versagt. Die Kolumne.

Einer meiner gelegentlich wiederkehrenden Alpträume handelt von einer Leiche, die mal im Keller versteckt ist, mal entsprechend der englischen Redewendung „skeleton in the closet“ in meinem Kleiderschrank auftaucht. Eine abwegige Vorstellung, zumal mein Kleiderschrank ohnehin aus allen Nähten platzt. In der jüngsten Version meines Traums fragt ein dort im nahtlosen Übergang geisterhaft zum Leichenfund einschwebender Psychotherapeut: „Wo ist denn Ihr Formular PTV 11?“

Dieses tatsächlich existierende Formblatt der Kassenärztlichen Vereinigung verfolgt mich schon bis in die Träume. „Ihre individuelle Information zur Psychotherapeutischen Sprechstunde“ – darin stellen Psychotherapeuten eine erste Diagnose und empfehlen, was weiter zu tun sei. Ist eine Therapie notwendig und wenn ja, welche: analytisch, systemisch, tiefenpsychologisch oder als Verhaltenstherapie?

Dass dieses Formular PTV 11 Voraussetzung für die Therapie ist, erfuhr ich erst nach Dutzenden Telefonaten und E-Mails mit meiner Krankenkasse. Von der erhoffte ich mir zunächst Rat, wie auf der Suche nach Therapie vorzugehen sei – ohne zu ahnen, dass die Person am anderen Ende der Leitung ähnlich ahnungslos war wie ich. Die Kundenberaterin riet mir, einfach mal einen Therapeuten zu kontaktieren.

Bei mir ging es um die Gewissheit, kein Mann, sondern eine Frau zu sein. Andere sind von Gewalt traumatisiert oder trauern vielleicht um Angehörige. Da will man schon mit Spezialisten sprechen, die sich mit dem Thema gut auskennen. Hilfe bei der Suche versprechen Onlineverzeichnisse wie therapie.de, wo man Fachtherapeuten auch nach Geschlecht, Methode und Kassenzulassung filtern und sogar erfahren kann, ob sie freie Plätze haben.

Von freien Plätzen kann man allerdings leider oft nur träumen – je spezifischer das Problem ist, desto sicherer werden Sie von Therapeuten mit Wartezeiten von mehreren Monaten abgewimmelt. Telefonieren Sie die überlasteten Psychologen mal ab! Sie werden Ihr blaues Wunder erleben: Nachrichten auf Mailboxen verhallen ebenso unbeantwortet wie E-Mails mit Bitte um Rückmeldung. Und kommt die doch, fällt die Absage gerne auch mal einsilbig und schroff aus. Wer sich gerade in einer akuten psychologischen Krise befindet, wird spätestens an diesem Punkt verzweifeln.

Krankenkassenbürokraten haben den treffenden Ausdruck Systemversagen geprägt. Falls Ihnen bei der Vorstellung schwindelig werden sollte, dass unser für viele Länder vorbildliches Gesundheitssystem versagt, verzagen Sie nicht: Wenn Sie es nur richtig anstellen, öffnet das kafkaeske System ein Türchen für Sie. Dokumentieren Sie, dass Sie Opfer des Systemversagens geworden sind – und der Weg wird frei für Spezialisten ohne Krankenkassenzulassung, die die Kostencontroller lieber außen vor lassen würden.

So weit kommt man allerdings nur mit Langmut und der Resilienz, womöglich Dutzende Absagen oder viel Schweigen über sich ergehen zu lassen. Was wird eigentlich aus denjenigen, die infolge einer persönlichen Krise nicht mehr die Kraft haben weiterzusuchen?

Wenn die Seele brennt, besser gleich die Nummer 116 117 wählen. Diese zentrale Hotline der Kassenärztlichen Vereinigung vermittelt kurzfristig eine Art psychologische Erstversorgung – bei der Therapiesuchende übrigens auch das oben erwähnte Formular PTV 11 erhalten.

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