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Prozess, nicht Produkt

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Von: Maren Urner

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Dennis Snower, ehemaliger Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (Archivbild).
Dennis Snower, ehemaliger Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (Archivbild). © Frank Molter/dpa

Es ist gut, wenn immer mehr Menschen verstehen, dass Politik viel mit Psychologie zu tun hat. Die Kolumne.

Meine Frau sagt: Welcher Unfug!“ Vor der Kamera sitzt an einem grauen Wintertag ein gestandener Wirtschaftswissenschaftler mit Krawatte, rahmenloser Brille und lichtem Haar. Er hält die riesige Zeitungsseite mit der Überschrift ins Bild. Seine Stimme ist ruhig und gewissenhaft. Kein ironischer Unterton und kein Lächeln. Erst auf die Frage, ob er es bereue, dass er so lange gebraucht habe, wird er lauter, seine Stimme eindringlicher und sein Blick fast flehend. „Natürlich, ich bereue es enorm. Das waren vergeudete Jahrzehnte, meines Erachtens.“

Der Mann ist der US-amerikanisch-österreichische Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower, ehemaliger Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Professor für theoretische Volkswirtschaftslehre. Warum ist das wichtig? Weil dieser Mensch auf so vielen Ebenen anders ist als ich und dennoch im Folgenden vor laufender Kamera ein Eingeständnis macht, das sich mit der Botschaft deckt, die ich täglich in die Welt sende, weil ich sie grundlegend für die menschliche Zukunft auf diesem Planeten halte.

„Auch in der Politik spielen die psychologischen Bedürfnisse von Menschen eine ganz große Rolle. Und das ist das, was ich zusammen mit der restlichen ökonomischen Zunft nicht begriffen hab.“

Ich gebe zu, ich kann mein Glück kaum fassen, als ich vergangene Woche an einem ähnlich grauen Tag wie dem Drehtag die Szene verfolge. „Jackpot“, schießt es mir durch den Kopf. Jackpot, weil Dennis Snower nicht nur meine Aussage „Politik und Wirtschaft sind nichts anderes als Psychologie!“ in leicht abgeschwächter Form in die Welt sendet, sondern auch weil er auf sämtlichen Meta-Ebenen diese inhaltliche Aussage verkörpert.

Mit anderen Worten: Jetzt werden Anzug, Stimme und Profession wichtig. Denn wie eine Nachricht – egal ob politischer, wirtschaftlicher oder anderer Natur – bei uns ankommt, hängt immer maßgeblich von drei Komponenten ab. Im Grunde sind es drei W-Fragen.

Los geht’s mit dem „Was“: Unser Gehirn interpretiert jede Aussage immer aufgrund bisheriger Erfahrungen und des Weltbildes. Ein liberal, konservativ oder progressiv denkendes Gehirn versteht unter „Freiheit“ sehr wahrscheinlich jeweils etwas anderes.

Weiter geht es mit dem „Wer“ und der Frage nach den Gruppen, zu denen wir uns zugehörig fühlen. So macht es einen riesigen Unterschied, wer uns sagt, dass die Klimakrise menschengemacht ist, dass Impfungen sicher sind oder dass Ökonom:innen und Politiker:innen von Neurowissenschaftler:innen und Psycholog:innen lernen können.

Zum dritten W, dem „Wie“, zählen nicht nur Stimme und Wortwahl, sondern auch die Krawatte, Brille und der Kragen. Politiker:innen erhalten häufig ein Stimmtraining. Auch weil piepsige Stimmen nicht gut bei der Wählerschaft ankommen.

Kurzum: Unser Gehirn – und damit wir – sind nicht die objektiven Informationsverarbeiter, für die wir uns so gern halten. Das vorzugaukeln, ist nicht nur dumm, sondern hochgradig gefährlich. Oder mit den Worten Snowers: „Wir waren total verblendet von einem extrem engen Menschenbild, welches nicht einmal dem Menschenbild der Aufklärung entsprach und daher einfach sehr wenig Bewandtnis zur Realität hatte und dadurch viel Unheil entstanden ist.“

Und jetzt? Sündenbocksuche und ewige Reue? Nein! Dennis Snower richtet den Blick nicht länger nach hinten, sondern vor allem nach vorn. Er gründete die Global Solutions Initiative und zitiert in der genannten Verfilmung von Roger Willemsens „Wer wir waren“ seine Frau ein weiteres Mal: „Das Leben ist ein Prozess, kein Produkt!“

Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie.

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