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„Prey“: Dan Trachtenberg gewinnt dem Franchise nicht für möglich gehaltene neue Akzente ab

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Von: Marc Hairapetian

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Predator taucht auch bei „Prey“ auf.
Predator taucht auch bei „Prey“ auf. © IMAGO/20th Century Studios/Davis Ent

„Prey“ ist keine Sekunde langweilig, meint unser Kolumnist. Die Filmkritik.

Hollywood-Franchises müssen gar nicht ausgelutscht sein! Diese Erkenntnis gewinnt man nach 99 im Wortsinn atemberaubenden, atmosphärisch dichten Minuten. So lang ist „Prey“ und dabei wirklich keine einzige Sekunde langweilig, auch wenn sich Regisseur Dan Trachtenberg („10 Cloverfield Lane“) und sein Drehbuchautor Patrick Aison („Treadstone“) über eine halbe Stunde Zeit nehmen, bis der Mensch und Tier niedermetzelnde und skelettierende Predator erstmals auftaucht und sich einen erbitterten Kampf mit den amerikanischen Ureinwohnern Amerikas liefert. 

Letztendlich kann der gnadenlose Eindringling in die weitgehend von der sogenannten „Zivilisation“ noch unberührte Natur nur durch weibliche List aufgehalten und eliminiert werden. Trachtenberg und sein um Authentizität bemühtes Schauspieler-Ensemble gelingt mit dem fünften Teil der Science-Fiction-Horror-Reihe, die ein Prequel ohne inhaltliche Berührungspunkte mit den Vor- bzw. besser gesagt Nach-Läufern ist, ein absolutes Ausrufezeichen!

Die Comanchería im Jahr 1719; Naru (Amber Midthunder) ist eine wilde und talentierten Kriegerin, die aber als Frau einen schweren Stand in ihrem Stamm hat. Als ihr Lager von einem unsichtbaren Gegner bedroht wird, macht sie sich mit ihrem treuen Hund auf den Weg, um ihr Volk zu schützen. Die Bedrohung, mit der Naru konfrontiert wird, entpuppt sich als ein hochentwickeltes außerirdisches Raubtier mit einem technischen Arsenal neuen Ausmaßes, was zu einem bösartigen und erschreckenden Showdown zwischen ihr und dem unbekannten Wesen führt.

Die Ausdehnung sowie die Geographie der Comanchería wechselte während des 17. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts erheblich, bald aber verstand man unter dem Begriff das Herrschaftsgebiet der Comanchen und der mit ihnen verbündeten Kiowas und Plains Apachen. Es erstreckte sich vom heutigen West-Texas, dem östlichen Llano Estacado, dem Texas Panhandle und dem Edwards Plateau (inklusive des waldreichen Texas Hill Country) über Teile des östlichen New Mexico, des Oklahoma Panhandle, der Wichita Mountains und westlich des 100. Meridians die Hälfte von Colorado und Kansas. Gedreht wurde „Prey“ aber vorrangig in Calgary in der kanadischen Provinz Alberta, was den wundervollen Landschaftsaufnahmen von Kameramann Jeff Cutter keinen Abbruch tut.

Der Action-Thriller der 20th Century Studios, der ab dem 5. August exklusiv als Disney+ Original gestreamt wird, schildert im ersten Drittel ausführlich Sitten und Gebräuche der Comanchen. Der Zuschauer begleitet sie mit auf die Jagd, wo Naru von ihrem Bruder Taabe (Dakota Beavers) und den anderen Kriegern belächelt wird. Folglich übt sie unter den erstaunten Blicken ihres Hundes so lange mit dem Tomahawk bis sie auch als Frau ihren Mann steht. Wird Beute erlegt, bedankt sich der Stamm bei dem toten Tier. Sie töten nur, um sich zu ernähren. In diese vermeintliche Idylle platzt plötzlich der Predator, der aus purer Machtlust mordet. Man kann die von den Brüdern Jim und John Thomas ersonnene, seit 1987 im Kino bekannte Ekel-Gestalt, die sich unsichtbar machen kann und an H. R. Tigers „Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) erinnert, hier auch als Synonym für die Zerstörung der Indianer-Gebiete durch den weißen Mann interpretieren.

Verkörpert wird der sich durch aktive Tarnung, gerichtete Energiewaffen und interstellare Reisen hervorhebende Predator diesmal vom 2,06 Meer großen, ehemaligen Basketball-Spieler Dane DiLiegro, der den nach einem Verkehrsunfall durch eine Behandlung mit einer HIV infizierten Blutkonserve an AIDS erkrankten und verstorbenen Kevin Peter Hall (1955 - 1991) aus dem legendären ersten Teil in puncto Physis in nichts nachsteht. Er tötet eiskalt, wie ein Wissenschaftler im Versuchslabor, der das Leid und den Zerfall seiner Beute emotionslos beobachtet. Besonders grausam ist eine Szene, in der ein Wolf ausgeweidet und sein Fell mit einem Laser weggebrannt wird, bis nur noch der kahle Schädel übrig bleibt. Es verwundert nicht, dass der Arbeitstitel des Filmprojekts zunächst „Skulls“ hieß…

Nun ist in der Rolle seiner Bekämpferin Amber Midthunder („Only Mine“) nicht Arnold Schwarzenegger. Zum Glück! Die Tochter des Schauspielers David Midthunder und der Stuntfrau Angelique Midthunder ist Mitglied der Fort Peck Indian Reservation und indigener, spanischer und thailändischer Herkunft. Brachialer Gewalt setzt sie eine durch ihre Beobachtungsgabe geschärfte intelligente Überlebensstrategie entgegen, um das Monster zu besiegen. Abseits der brutalen Predator-Action hebt die Produktionsfirma hervor, dass es den Filmemachern ein großes Anliegen war, einen Film zu kreieren, der das Volk der Comanchen so realistisch wie möglich präsentiert und eine Authentizität vermittelt, die den indigenen Völkern gerecht wird.

„Prey“ wurde zwar in Englisch gedreht, die gesamte Besetzung stellte sich aber einer alternativen All-Comanche-Synchronisation zur Verfügung. Beide Sprachversionen sind auf Hulu und hoffentlich auch bei Disney+ verfügbar. Herausgekommen ist - neben dem einst von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Medien indizierten Original von Regisseur John McTiernan - die mit Abstand beste Episode und ein echtes Genre-Meisterwerk. Forget „Predator 2“ (1990), „Predators“ (2010) and „The Predator“ (2018) und auch die Crossover „Alien vs. Predator“ (2004) and „Aliens vs. Predator: Requiem“ (2007)! „Prey“ rules! Howgh - Ich habe gesprochen! (Marc Hairapetian)

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