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Preisgekrönte Kröte

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Titelfigur im mit dem Bachmann-Preis ausgezeichneten Buch von Ana Marwan: die Wechselkröte.
Titelfigur im mit dem Bachmann-Preis ausgezeichneten Buch von Ana Marwan: die Wechselkröte. © Sebastian Gollnow/dpa

Den Ingeborg-Bachmann-Preis gibt es nicht für Artenschutz und der Medizin-Nobelpreis lenkt den Blick zurück in die Zukunft. Die Kolumne.

Ein Fisch schaffte es zu literarischem Ruhm. Dem Autor des Romans, einem späteren Nobelpreisträger, waren Lebensumstände und Schicksal seines platten Titeltieres allerdings ziemlich egal. Er brauchte lediglich eine Erzählfigur.

In dieser Hinsicht geht es der Wechselkröte neuerdings doch viel besser. Sie wurde wie der Butt zum Titel eines Buches und hat zwar noch keinen Weltruhm erlangt, aber immerhin machte sich die Schriftstellerin Ana Marwan ernsthafte Sorgen um das Wohlergehen des hübschen Krötchens, das in ihrem Pool schwamm.

Sie telefonierte gar mehrfach mit der zuständigen Behörde, um dem verirrten Lurch zu helfen. Selbst dem Nachwuchs des, wie sich so rückschließen ließ, weiblichen Tieres in Form einer Laichschnur galten ihr Informationsbedürfnis und ihre Fürsorge. Nicht für dieses Engagement im Artenschutz, sondern für ihre literarische Leistung erhielt Ana Marwan den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis.

Die Titelfigur ihres neuesten Werkes, eben diese Wechselkröte, ist Aufhänger und Angelpunkt für die Entwicklung eines vielschichtigen Textes, bei dem es irgendwann um eine überraschende Schwangerschaft der menschlichen Erzählerin und alle möglichen anderen, auch weniger tiefgreifenden Umstände fernab der Kröte geht.

So ergibt sich die Prominenz der Wechselkröte ganz besonders aus dem Titel der Erzählung und weil die um das Tierwohl besorgte Ana Marwan zur Trägerin des Literaturpreises wurde. Darüber besonders erfreut sind die Amphibienfans der Republik, denn das Buch unterstützt ebenso unbeabsichtigt wie unerwartet die Kampagne für den Lurch des Jahres, der jedes zweite Jahr von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) ausgerufen wird, in regelmäßigem Wechsel mit einem Reptil.

Die Mitglieder dieser Tierklasse sind in Deutschland fast alle gefährdet und auch der Jahreslurch 2022, die Wechselkröte, hat vielerorts Laichplätze und Landlebensraum verloren. Aufgrund der nun schon zwei Jahre in Folge währenden Trockenheit sind viele Gewässer ausgetrocknet und es kam zu erheblichen Einbrüchen der Populationen und des Fortpflanzungsgeschehens.

Der Klimawandel dürfte dafür verantwortlich sein, und der ist bekanntlich menschengemacht. Wie schnell haben wir es doch geschafft, unseren Globus schwer zu schädigen. Das schaffte Homo sapiens alleine.

Frühere menschliche Gesellschaften waren der Natur ausgeliefert, haben das Antlitz der Erde über viele Zehntausende von Jahren nicht verändert. Der Paläogenetiker Svante Pääbo wies nach, dass wir Gene des Neandertalers in uns tragen. Es sind winzige Reste, die aber leider nicht bewirken, uns anders mit der Natur umgehen zu lassen.

Für seine Entdeckungen wurde Pääbo jetzt mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Er erklärt sogar, warum diese Erbschaft für die Evolution unserer eigenen Spezies bedeutsam ist. Als Charles Darwin proklamierte, der Mensch stamme vom Affen ab, löste das eine hochgehende Welle der Ablehnung aus, die mit dem vor allem in den USA um sich greifenden Kreationismus leider weiteren Auftrieb erhält.

Nobelpreisträger Pääbo revolutionierte mit seinen Forschungen die Erkenntnisse, woher wir tatsächlich kommen. Da können wir uns noch besser Gedanken machen, wohin die Reise künftig geht. In unserem ureigensten Interesse. Beileibe nicht nur wegen der Wechselkröte.

Manfred Niekisch ist Biologe

und ehemaliger Zoodirektor.

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