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Pragmatisch oder unvernünftig?

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Von: Richard Meng

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Das Coronavirus ist mutationsfreudig und wartet mit ständig neuen Varianten auf. Die meisten setzen sich jedoch nicht durch.
Das Coronavirus ist mutationsfreudig und wartet mit ständig neuen Varianten auf. © Getty Images

Nicht nur das Corona-Virus hat sich in den Jahren der Pandemie verändert, sondern auch der Umgang mit der Krankheit. Die Kolumne.

Die beiden waren immer besonders vorsichtig. Als es los ging mit Corona, haben sie alle Kontakte eingestellt. Haben sich die Lebensmittel an die Haustüre bringen lassen und allen ein schlechtes Gewissen gemacht, die ihnen als sorglos erschienen. Hauptsache, dem Virus aus dem Weg gehen. Die beiden sind über 70. Naja, Alterspanik.

Zwei Pandemiejahre später gehören sie im Prinzip immer noch zu den Vorsichtigen, aber gewisse Haltungslockerungen waren zuletzt erkennbar. Zum Beispiel haben sie ihre bildungsbürgerliche Leidenschaft wieder aufleben lassen, das Reisen. Wohlbehütet in organisierten Gruppen, aber mit Anspruch und Lerninteresse. Das erste Experiment diesbezüglich verlief glimpflich: Corona bekamen andere. Beim zweiten hätten sie vielleicht doch vorher mal auf die Klimatabelle schauen sollen.

Island im Hochsommer: Sonnenlicht rund um die Uhr, aber niedrige Temperaturen. Auf den geposteten Fotos war ein Paar in Pullover und Regenjacke zu sehen. Schlechtes Wetter, lachende Gesichter. Wie war das noch mal mit dem Virus, an das in diesem Dritten Corona-Sommer viele kaum mehr denken: Es verbreitet sich besonders gerne, wenn es kalt ist.

Seit das einst so vorsichtige Paar zurück ist in Deutschland, überraschen sie mit dieser Erzählung: Gegen Ende des Trips plötzlich Halsweh. Corona-Schnelltest positiv. Am nächsten Tag: wieder ein positiver Test. Trotzdem planmäßig ins Flugzeug gesetzt. Zuhause angekommen dann auch kein Lebensmittelbringdienst mehr. Sie reduzieren die Kontakte, aber sie gehen im Ökoladen einkaufen. Mit Maske immerhin – und nur schweigend, damit keine Viren verbreitet werden. Bald nur noch mit ganz wenig Halsweh. Aber Schnelltest noch positiv.

Aus der Geschichte kann man zum einen lernen, dass Menschen, wenn sie betroffen sind, anders reagieren als vorher. Man kann sagen: Sie werden egoistischer, unvernünftiger. Man kann auch sagen: Sie werden pragmatischer, womöglich vernünftiger. Bis hin zu den Oberen der Ärzteschaft gibt es jetzt zu Corona diese zwei Versionen. Wahrscheinlich ist an beiden etwas dran.

Zum anderen zeigt der Fall, wie sich der Umgang mit der Pandemie verändert. Dass selbst ansonsten Umsichtige gar nicht mehr daran denken, sich bei den Gesundheitsbehörden zu melden und sich damit Restriktionen einzufangen. Dass Corona-Positive durch die Läden spazieren und sogar im Flugzeug sitzen. Entschuldigende Bemerkung: Was wäre die Alternative gewesen? Zwei Wochen Quarantäne in einem sündhaft teuren isländischen Hotel? Schiefer Vergleich oder nicht: Als die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock in Pakistan corona-positiv war, war ja auch keine Rede von Isolation vor Ort.

Die Moral bei der Geschichte? Auch sie ist mitunter eine Frage der eigenen Umstände. So wie von jeher der Umgang mit allerlei Sicherheitsmaßstäben, wenn diese plötzlich betroffenheitshalber als lebensfremd empfunden werden. Und die Lehre? Es schadet nichts, sich auch im Hochsommer bewusst zu machen, dass mit trotzigen Infizierten stets und überall zu rechnen ist. Selbst dann, wenn man Leute eigentlich als Vernunftmenschen kennt.

Ob das Land auf den Corona-Herbst vorbereitet ist? Es ist nicht nur eine Frage an die Politik und ans Gesundheitswesen. Aber offenkundig ist ein Rückflug oft nicht nur weniger lustvoll als der Hinflug, sondern er kann auch gesundheitsgefährdender sein. Von überall her, wo Leute im Urlaub besonders gerne so tun, als sei die Pandemie vorbei. Immerhin: Man sollte nicht schon misstrauisch werden, nur weil irgendwo im Einkaufsladen Leute besonders wortkarg sind. Das kann auch ein Gesundheitszeichen sein.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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