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Positive Erwartungen gesucht

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Von: Richard Meng

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Vertrauen haben, der Nebel lichtet sich auch wieder.
Vertrauen haben, der Nebel lichtet sich auch wieder. © Stefan Sauer/dpa

Wer die Zukunft zu negativ sieht, verliert den Blick für das Große und zieht sich ins Kleine zurück. Die Kolumne.

Vielleicht ist selbst das ein Symptom: Der Verkauf von Sachbüchern schwächelt. Fachtexte werden nicht als attraktiv empfunden in Zeiten, in denen viele nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist – und andere nur noch die eigene Sicht gelten lassen. Siehe Corona, Ukraine, Klima, Zustand von Demokratie und Öffentlichkeit.

Zu Beginn der Pandemie wurde behauptet, jetzt schlage die Stunde der Wissenschaft, der objektiven Information. Nach drei Pandemiejahren und fast einem Kriegsjahr zweifeln manchmal alle an allem. Mit der Folge eines gespaltenen Verhaltens, hier nach innen und da nach außen. Breiter öffentlicher Konsens, vorgeblich, pro Klimaschutz etwa oder für immer noch mehr Waffen an die Ukraine. Private Zweifel bis Verweigerung gleichzeitig, wann immer es konkret wird.

Einer aus der Wissenschaft, selbst in der DDR aufgewachsen, fühlt sich an früher erinnert. Die Leute hätten sich da im autoritären System zwei Meinungen antrainiert. Eine nach außen, mit der sie konform gingen, jedenfalls nicht aneckten. Eine andere, private, die außen niemanden was anging. Ein Rückzug ins Kleine. Wenn schon im Großen so vieles unlösbar scheint.

In dieser Parallele steckt etwas rundum Unakzeptables: der Vergleich heutiger, rational-aufklärerisch gemeinter Korrektheitsvorstellungen mit totalitärer Meinungsvorgabe. Genau so setzt ja die perfide Strategie der rechtsnationalen Populisten gegen die offene Gesellschaft an. Somit ist der Vergleich im Kern reaktionär. Aber damit ist der neue Rückzug ins Kleine noch nicht wegdiskutiert. Zu ihm gehört auch, wenn schon derart vieles aussichtslos ist, so etwas wie der Rückzug in eine gewisse Improvisationskultur, gedanklich wie lebenspraktisch.

Von der Nicht-Lieferbarkeit eines profanen Hustensaftes bis hin zur überzüchteten Untauglichkeit des Puma-Panzers hangelt sich die Nachrichtenlage. Das vielgenutzte Wort Pannen sollte man dafür nicht mehr verwenden. Es ist zu optimistisch. Gerade weil selbst im Kleinen so vieles dauerhaft nicht mehr funktioniert. Während im Großen und ganz Großen der Welt der Rückgriff auf Moral als Politikersatz zu oft und im Stil überheblich an die Stelle mühsamer, kompromisshafter, im Ergebnis schmerzlicher Suche nach Ausgleich tritt.

Wo da Perspektiven liegen? Wahrscheinlich gilt auch hier die Erfahrung, dass aller Fortschritt im Kleinen anfangen muss (sogar beim Sturz des DDR-Regimes von unten war das so, die europäische Aufbruchstimmung alleine hätte nicht gereicht). Was zum Jahreswechsel nun also ein Plädoyer für mehr Optimismus wäre: für die Kraft der vielen kleinen Welten, wenn diese sich nicht verweigern, sondern sich engagieren.

So gesehen gibt es einen Dreh- und Angelpunkt für die Gestaltungskraft in der politischen Kultur. Er liegt da, wo es um die positiven Erwartungen an die Zukunft geht. Wer sie verliert, sieht im Wissen keine Stütze, sucht keine Argumente mehr (siehe: Sachbuch-Flaute). Ist das zu negativ betrachtet? Wahrscheinlich. Der Gedankengang klingt sehr absolut in einer Wirklichkeit mit immer noch so vielen Facetten. Aber er treibt auf die Spitze, was sich vielerorts andeutet.

Das mit den zwei Meinungen jedenfalls, die sich Leute wieder zulegen, muss eine Warnung sein. Wäre es in der Breite der Gesellschaft der Fall, dann droht etwas zu zerbrechen. Nennen wir es das Demokratievertrauen. Unabhängig davon, was bei Befragungen korrekterweise gesagt wird. Wobei selbst da ja die Befunde mancherorts bedrohlich sind.

Wie geht es? Eine einfache, schwierige Frage. „Persönlich gut“, antworten viele. Nein, es ist nicht schon das ein Problem. Zum Problem wird es, wenn an diesem Punkt die Ambitionen enden.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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