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Polizeiarbeit neu denken

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Von: Hadija Haruna-Oelker

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Zwei Tage nach den tödlichen Schüssen der Polizei auf einen 16-Jährigen fordern mehrere hundert Demonstrierende vor der Polizeiwache Nord Aufklärung.
Zwei Tage nach den tödlichen Schüssen der Polizei auf einen 16-Jährigen fordern mehrere hundert Demonstrierende vor der Polizeiwache Nord Aufklärung. © Roberto Pfeil/dpa

Die Polizei hat in Dortmund einen 16-Jährigen erschossen. Es fehlt die politische Resonanz. Die Kolumne.

Triggerwarnung. Ein Wort, das vor negativen Reizen warnt. Mich triggert es, mehr über den Tod von Mouhamed Lamin Dramé zu erfahren, der im August in Dortmund von Polizisten erschossen wurde. Wenn Ohnmachtsgefühle aufkommen, dann wird Privates politisch. Zur Wahl steht dann Verdrängen oder Analysieren. Ich wähle Letzteres, um die Tragweite dieses Empfindens zu deuten. Es ist ein Aufarbeiten in Erinnerung an einen 16-Jährigen, der grundlos sterben musste.

Mouhamed war ein Kind, als er sich alleine auf den Weg nach Deutschland machte, um dort Geld für seine Familie zu verdienen, die darauf hoffte, dass er ihr Leben verändern würde. Ein Kind, das nach zwei Jahren auf dem Weg vom Senegal über Marokko und Spanien in Dortmund in einer Jugendhilfeeinrichtung landete. Das Anfang August zur Polizeiwache ging, dort Selbstmordabsichten äußerte und deshalb in eine Klinik gebracht wurde. Kurze Zeit später saß er in einem Innenhof seiner Jugendeinrichtung mit einem Messer, weshalb ein Betreuer die Polizei rief. Danach wird es heißen, dass er auf die Polizisten losgegangen sei, was nicht wahr ist, wenn man den Zeugenaussagen glaubt, die besagen, dass er erst reagiert habe, nachdem der Einsatzleiter angeordnet hat, ihn ohne Vorwarnung mit Pfefferspray anzugreifen. Aus dem Polizeifunkverkehr geht laut WDR-Berichten hervor, dass zwischen dessen Einsatz und den fast zeitgleichen Taser- und Maschinenpistolen-Schüssen nicht einmal 20 Sekunden lagen.

Wer war hier die Gefahr und vor allem für wen? Welche Worte finden für den Schmerz, der sich breitmacht, das hier aufzuschreiben und andere lesen zu lassen. Er ist politisch und es fehlt die politische Resonanz. Da ist nur die Last, immer wieder darauf hinzuweisen, dass systemisch etwas nicht stimmt, was die aktive Rolle der Polizei und anderen Sicherheitsbehörden im Umgang mit marginalisierter Menschen angeht. Zwar hat sich seit 2020 ein kritischerer Diskurs entwickelt, aber was nützen Texte wie dieser, ein kurzes Aufbäumen in Social Media, wenn sich die Routinen nicht verändern und Behörden gegen sich selbst ermitteln? Resignation macht sich breit und die Argumentationen nutzen sich ab, je öfter sie sich wiederholen und nichts passiert.

Längst überfällig ist es, konstruktiv über Alternativen zum staatlichen Gewaltmonopol zu sprechen und die gängige Vorstellung von Institution und Herrschaft zu hinterfragen. Doch ist ein Austausch darüber hierzulande schwierig und wenig anschlussfähig, weil sich viele Menschen Alltagssituationen wie einen Verkehrsunfall oder häusliche Gewalt ohne Klärung der Polizei nicht vorstellen können.

Aber genau das sind die Situationen, in denen marginalisierte Menschen ebendiese nicht gerne rufen, aus Angst vor möglichen negativen Folgen, die leider keine Einzelfälle sind. Sie sind in Chroniken nachzulesen und zeigen, warum es Gegenkonzepte zum Status quo braucht, zeitgemäße und inklusive Strategien und Abläufe. Es geht um ein kritisches Polizieren, das künftig Leben sichern würde.

Und es würde die Familien würdigen, die ihre Kinder beerdigen mussten. Ihr Schmerz hat Kontinuität. So erinnert das Leid von Mouhameds Mutter an das von Mariama Djombo Jalloh, die Mutter von Oury Jalloh, der 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte. Sie starb 2012 in Guinea, wenige Wochen nachdem sie nach Deutschland gereist war, um vor dem Magdeburger Landgericht den Strafprozess gegen den Polizeibeamten zu verfolgen, der mutmaßlich für den Tod ihres Sohnes verantwortlich war. Bis heute ist er nicht offiziell geklärt. Minutiös rekonstruierte ihn das Recherchekollektiv Forensic Architecture zuletzt in einer Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, dann in Berlin dieses Jahr. Ihr Ergebnis ist eindeutig.

Hadija Haruna-Oelker ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin.

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