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Ein Graffiti in Greifswald.
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Ein Graffiti in Greifswald.

Kolumne

Oury Jalloh: Polizeiliche Handlung waren rechtswidrig und institutionell rassistisch - und weiter keine Aufklärung

  • Hadija Haruna-Oelker
    VonHadija Haruna-Oelker
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Vor 17 Jahren verbrannte Oury Jalloh in einer Zelle der Dessauer Polizei. Warum keine Aufklärung? Aus Rücksicht auf den Ruf der Polizei? Die Kolumne.

Alle Jahre wieder Protest: weil am 7. Januar 2005 Oury Jalloh in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte, an Händen und Füßen an eine Matratze gefesselt, und sein Tod bis heute nicht aufgeklärt ist. Jalloh, 36 Jahre alt, Vater, Freund, Mensch aus Sierra Leone, der mit Duldungsstatus in Deutschland lebte.

Er habe sich selbst angezündet, heißt es vonseiten der Dessauer Polizei. Mit „Oury Jalloh – das war Mord“ widerspricht die Gegenseite. Ein erneutes Gutachten vom November vergangenen Jahres gibt ihr recht. Originalgetreu hatte zuletzt der Brandsachverständige Iain Peck die Zelle, in der Jalloh verbrannt war, nachgebaut und gezeigt, dass die Brandspuren an seiner Leiche nur durch Brandbeschleuniger hätten entstehen können. Es ist bereits das dritte Gutachten, das zu diesem Ergebnis kommt, ebenso geht aus den Gerichtsakten hervor, dass in der Zelle Blausäure festgestellt wurde, die darauf hinweist.

Vertuschung im Fall Oury Jalloh: Polizei in Dessau hat etwas verheimlicht

Dass die Polizei in Dessau etwas verheimlicht, hatte das erste Verfahren 2008 am dortigen Landgericht gezeigt, als der Vorsitzende Richter von „erschreckenden Falschaussagen“ bei Beamten sprach. Die Verhandlung sei gescheitert, hieß es in der Urteilsverkündung.

Doch auch ein zweiter Gerichtsprozess konnte die Umstände von Jallohs Tod nicht klären, und das, obwohl der leitende Oberstaatsanwalt Folker Bittmann 2017 von einer Vertuschungstat ausging und Parallelen zu zwei weiteren ungeklärten Todesfällen in der Polizeistelle Dessau zog.

Journalistische Recherchen kommen ebenfalls zu diesem Schluss. Zuletzt berichtete 2020 die Autorin Margot Overath in einem WDR-Feature, es sei nicht das erste Mal gewesen, dass Polizisten der Dessauer Wache ihre Machtgelüste an hilflosen Schutzbefohlenen ausgelebt hätten.

Fall Oury Jalloh: Warum keine Aufklärung? Aus Rücksicht auf den Ruf der Polizei?

Warum also keine Aufklärung? Aus Rücksicht auf den Ruf der Polizei? Weil die Wahrheit politische Konsequenzen hätte? Inzwischen ist dieser Fall so detailreich, dass man sich fast darin verliert und nur noch wundern kann. Zuletzt darüber, dass gegen einen Untersuchungsausschuss entschieden wurde, nachdem zwei Sonderermittler 2020 in einem Bericht schwere Vorwürfe gegen die Polizei und zuständige Behörden erhoben hatten. Ihr Fazit: Von der Festnahme bis zum Tode Jallohs sei so gut wie jede polizeiliche Handlung rechtswidrig oder fehlerhaft gewesen. Menschenverachtende Äußerungen und institutioneller Rassismus wurden auch auf Führungsebene festgestellt.

Mit dieser Bestandsaufnahme und dem neuen Brandgutachten steht zum 17. Todestag Jallohs nun erneut die Forderung nach einer Wiederaufnahme der Mordermittlungen im Raum. Es genügt nicht, dass der Dienstgruppenleiter jener Nacht in der ersten Revision 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von knapp 11.000 Euro verurteilt wurde, weil er Jalloh hätte besser überwachen müssen. Ist ein Menschenleben so wenig wert?

Anti-Schwarzen-Rassismus im Hinblick auf die Polizei muss zum Thema werden

Aufklärung tut Not, und deshalb ist der Widerstand der Angehörigen Jallohs und der „Initiative Oury Jalloh“ unentbehrlich. „Unentbehrlich“ lautet auch der Titel eines Sammelbands, der Menschen zeigt, die seit Jahren an der Seite Betroffener stehen, die beraten und intervenieren. Sie werden nicht aufgeben, das ist sicher, und sie hoffen auf einen Richtungswechsel der neuen Bundesregierung. Darauf, dass die Empfehlungen der UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft endlich ernst genommen werden und ein Anti-Schwarzen-Rassismus auch im Hinblick auf die Polizei zum Thema gemacht wird.

Der Ruf nach Gerechtigkeit und #BlackLivesMatter ist auch in Deutschland nötig, wie die aktuellen Daten des „Afrozensus“ zeigen. Und so wird am 7. Januar bei den Demonstrationen wieder die gleiche Frage laut werden: Wie hätte sich Jalloh durch seine Fixierung auf einer feuerfesten Matratze selbst anzünden können? Warum überhaupt hätte er das tun sollen? Diese Fragen sollten nicht, sie müssen geklärt werden. (Hadija Haruna-Oelker)

Hadija Haruna-Oelker ist Politikwissenschaftlerin und Autorin.

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