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Ohne Gewähr: Was uns 2022 lehren kann

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Von: Michael Herl

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„Leben ist das, was dir geschieht, während du eifrig damit beschäftigt bist, andere Pläne zu schmieden“, soll John Lennon gesagt haben.
„Leben ist das, was dir geschieht, während du eifrig damit beschäftigt bist, andere Pläne zu schmieden“, soll John Lennon gesagt haben. © Imago

Kann uns das zurückliegende Jahr, das so voller Krisen steckte, etwas lehren? Und ob! Langmut und Neugier zum Beispiel. Die Kolumne.

Eigentlich muss man über dieses nun fast vergangene Jahr sagen: Spaß ist etwas anderes. Eine ausklingende Pandemie, ein Krieg in Europa, Nazis im Bundestag, Inflation, Mangel an Mehl und Öl, Klimawandel, Energienotstand mit drohenden Blackouts, Personalnöte allerorten, das alles und noch viel mehr in nur zwölf Monaten.

Betrachtet man das Jahr allerdings von der dramaturgischen Warte, gäbe es einen formidablen Stoff für ein interessantes Werk ab. Denn was ist da nicht alles passiert. Ein Spannungsbogen jagte den nächsten und hielt uns unaufhörlich in Atem. Da fällt einem doch sofort der Satz des französischen Regisseurs Alain Resnais ein: „Das Leben ist ein Film. Die Realität findet im Kino statt.“ Und was für einen Film gilt, eignet sich auch für ein Theaterstück, einen Roman oder gar ein Gemälde oder einen Cartoon.

Und einer Dramaturgie folgt sowieso mehr als wir denken – nämlich nahezu alles. Die Zubereitung eines Schweinebratens, ein Liebeswerben, ein Fußballspiel, eine Wanderung, eine Ausbildung, eine Jagd, ein Stammtischabend, ein Geschlechtsverkehr, das Filetieren einer Forelle, das Eincremen eines Körpers, ein Gottesdienst, das Abbeizen einer Kommode, eine Krankheit, eine Geburt, ein Sterben, ein ganzes Leben. Nahezu alles halt.

Bei einigen dieser Vorgänge kennen wir ihre Dramaturgie, für manche haben wir sogar selbst eine entwickelt, so womöglich für die Balz oder den Beischlaf. Ein Garant für ein Gelingen ist das nicht. Das ist wie beim Anrühren von Mayonnaise oder dem Schlagen einer Zabaione. Deren Dramaturgien sind seit Jahrhunderten vorgegeben – dennoch flockt manchmal das Ei aus. Ähnlich ist es bei der Herstellung von Kartoffelklößen. Gelegentlich halten sie nicht und fallen auseinander. Vollkommen grundlos, nicht nachvollziehbar, wahrscheinlich aus reiner Boshaftigkeit – oder weil sie sich aus Lust am Freestyle mal nicht an die Dramaturgie halten wollen.

Offensichtlich gibt es also für nichts eine wirkliche Gewähr. Doch ist das nicht der eigentliche Reiz? Das Leben ist nämlich in Wahrheit viel spannender als ein Film. Im Film kann man misslungene Szenen wiederholen, zur Not sogar nachdrehen. Im Leben sollte man das gar nicht erst probieren. Es geht immer schief. Denn wir neigen dazu, begangene Fehler zu wiederholen und diese Wiederholung dann abermals zu wiederholen und abermals und abermals. Also sollte man es besser gleich lassen.

„Leben ist das, was dir geschieht, während du eifrig damit beschäftigt bist, andere Pläne zu schmieden“, soll John Lennon gesagt haben. Millionenfach zitiert, doch immer noch wahr. Kann uns nun das zurückliegende Jahr etwas lehren? Ja. Langmut und Neugier. Also nicht gleich in Panik geraten, wenn wieder etwas Unerwartetes geschieht (denn es wird geschehen, garantiert). Und vielleicht sogar gespannt sein auf das, was da kommen mag. Denn gewiss ist auch Angenehmes dabei (man muss es halt zu erkennen wissen).

Dazu ein weiteres philosophisches Zitat, nun von einer Frankfurter Apfelweinwirtin: „Wie es weitergeht mit meinem Leben?“, sagte sie mal vor etwa dreißig Jahren, „wenn ich das wissen will, hüpfe ich aus dem Fenster. Dann weiß ich es.“ Haben Sie ein interessantes neues Jahr. Und machen Sie was draus.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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