1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Oh mein Bot!

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Johannes Dieterich

Kommentare

Schön, wenn sich am anderen Ende der Leitung ein Mensch meldet.
Schön, wenn sich am anderen Ende der Leitung ein Mensch meldet. © Imago

Mit Maschinen zu telefonieren, führt auch nicht immer zum Ziel. Da sind dem Kunden echte Menschen doch ganz besonders lieb – und teuer. Die Kolumne.

Ab und zu muss der Korrespondent auch mal eine Reise tun. Und weil nicht alle afrikanischen Staaten mit dem Segelboot zu erreichen sind, nutze ich – Mutter Erde vergib mir! – gelegentlich ein Flugzeug. Da mein Verlag chronisch am Hungertuch nagt, versuche ich über eine Suchmaschine preiswerte Flüge zu ergattern, was – als die Welt noch relativ virenfrei war – meistens unproblematisch funktionierte. Jüngst zwang mich unser südafrikanischer Exportschlager Omikron allerdings zum Umbuchen eines Flugs. Und damit nahm das Unheil seinen Lauf.

Die angerufene Airline kann mir leider nicht weiterhelfen: Ich hätte den Flug bei einem Agenten und nicht ihr selbst gebucht, heißt es. Erst jetzt fällt mir auf, dass mir das elektronische Ticket tatsächlich von einem gewissen „Flugladen.de“ zugesandt wurde: Der muss sich während des Kaufvorgangs zwischen Suchmaschine und Fluggesellschaft irgendwie reingemogelt haben. Wie ein Blutegel, der sich beim Griff in den Fischteich am Handgelenk festsetzt.

Der Flugladen.de verfügt zwar über eine Webseite, auf der ist allerdings keine Telefonnummer zu finden. Alle meine E-Mails bleiben unbeantwortet. Den „Bot“, der auf der Webseite wie warmes Bier angepriesen wird, suche ich zu vermeiden: Wer will bei einem komplizierten Problem wie dem meinen schon mit einer Maschine reden? Einen Flug vorübergehend auf Eis zu legen, bietet die aufgeführte Liste der vom Bot gemeisterten Themen auch gar nicht an.

Einen Tag vor dem ursprünglich geplanten Abflugtermin lässt meine Verzweiflung keine Wahl mehr zu: Ich muss den Bot in Anspruch nehmen. Der gibt nach kurzem, belanglosem Geplänkel auch schon auf – bietet mir überraschenderweise jedoch die Übergabe an einen Mitarbeiter aus Fleisch und Blut an. Der verstehe allerdings nur Englisch und kein Deutsch, warnt mich die Chat-Maschine, und sei auch erst in 94 Minuten zu sprechen.

Nach 106 Minuten meldet sich eine gewisse Aisha mit einem getippten „Hello Johannes“. Beglückt frage ich sie nach ihrem Befinden und welcher Ecke der Welt ich sie zuordnen könne. Das dürfe sie nicht verraten, antwortet Aisha: Geschäftspolitik. Ich bin beruhigt: Immerhin scheint der Flugladen ein wirkliches Geschäft zu sein, das sogar über eine Politik verfügt. In Windeseile legt Aisha mein Ticket auf Eis: Als ich es wenige Wochen später wieder aus dem Gefrierfach holen will, geht die Quälerei jedoch von vorne los.

Dieses Mal verbindet mich der Bot nach 82 Minuten mit Zaheed aus Bangalore, dem die Geschäftspolitik offenbar schnuppe ist. Er verlegt meinen Flug ebenso zügig auf das gewünschte Datum, verlangt aber einen Aufpreis von 270 Euro für die Airline und 55 Euro für den Flugladen.de. Ich schimpfe etwas von „Sauladen.de“, von „55 Euro für welchen Service eigentlich?“ und drücke wütend auf „Quit“.

Deshalb muss ich am nächsten Tag erneut anbotten und kleinlaut weitere 84 Minuten warten, bis mich Hassan aus Kairo begrüßt. Er stellt sich als deutlich günstiger als sein Vorgänger heraus: Hassan verlangt nur 80 Euro für die Airline, die 55 Euro für den Geldegel.de bleiben indessen dieselben. Erleichtert schlage ich ein: Wie gut, dass wir heute diesen globalen, transparenten und wettbewerbsfreundlichen Onlinemarkt haben!

Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

Auch interessant

Kommentare