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Im Lauf der Evolution haben wir etwas geschaffen, das wir Vernunft nennen. Sie ist in der Lage, uns nicht mehr nur intuitiv handeln zu lassen, sondern bedächtig – und lässt uns zum Beispiel nicht nach Mallorca fliegen, obwohl wir dies dürften und womöglich auch wollten.
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Im Lauf der Evolution haben wir etwas geschaffen, das wir Vernunft nennen. Sie ist in der Lage, uns nicht mehr nur intuitiv handeln zu lassen, sondern bedächtig – und lässt uns zum Beispiel nicht nach Mallorca fliegen, obwohl wir dies dürften und womöglich auch wollten.

Kolumne

Oh, diese Gefühle

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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An der Lage unserer Welt ist niemand wirklich schuld, da können unsere Emotionen noch so lange versuchen, uns anderes empfinden zu lassen.

Eigentlich können Emotionen eine schöne Sache sein. Sie verschaffen uns zum Beispiel eine wohlige Wehmut beim Gedanken an Weihnachten in Kindertagen oder an die Freude über den Beginn der großen Ferien.

Sie lassen uns vor Stolz schier platzen, sobald uns unser eigener Winzling zum ersten Mal anplärrt, und sie sorgen für Flugzeuge im Bauch und einen Platz auf Wolke sieben anlässlich einer heftigen Verliebung.

Und selbst wenn wir den Film schon hundert Mal gesehen haben, treiben sie uns die Tränen in die Augen, wenn wir die Maschine mit Ilsa Lund und Victor László den nächtlichen Himmel über Casablanca erklimmen sehen, während Rick alleine und einsam im Regen zurückbleibt. Da ist es uns auch kein Trost, dass den beiden immer noch Paris bleibt. Doch es sind Tränen, die wir lieben. Warum sonst würden wir immer wieder ins Kino rennen?

Emotionen können aber auch anders. Sie sind extrem manipulierbar, glauben gerne der Werbung oder irgendwelchen scheinheiligen Influencern, und sie lassen uns Dinge kaufen, die wir eigentlich gar nicht haben wollen und Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht tun wollen.

Sie können uns in eine Eifersucht treiben, die uns so rasend befällt, dass wir uns genauso wenig wiedererkennen wie im Zustand einer glühenden Verliebung. Sie können bewirken, dass uns Einsamkeit schwer erkranken lässt oder gar in den Freitod treibt. Oder sie drängt uns in das Gefühl der Nutzlosigkeit und raubt uns jegliches Selbstwertgefühl. Oder sie treibt uns in die Arme von Populisten, die uns vermeintlich schnelle Linderung all unserer Nöte versprechen.

Deswegen muss man Emotionen manchmal einfangen und darf ihnen keinen freien Lauf lassen. Im Gegensatz zu so manchem Getier können wir das. Aufgrund dessen darf man auch in einem Lockdown mit seinem Hund vor die Tür, nicht aber mit seinem Mann.

Denn wir haben uns im Lauf der Evolution etwas geschaffen, das wir Vernunft nennen. Sie ist in der Lage, uns nicht mehr nur intuitiv handeln zu lassen, sondern bedächtig – und lässt uns zum Beispiel nicht nach Mallorca fliegen, obwohl wir dies dürften und womöglich auch wollten.

Das Problem: Emotion duldet von Natur aus keine Vernunft an ihrer Seite. Beide rangeln beständig um den Häuptlingsstatus, Zugeständnisse werden da ungern gemacht.

In der Geisterbahn klappt das. Als wir noch klein waren, hat uns dort die Emotion Angst eingejagt. Schon wenige Jahre später aber übernahm die Vernunft das Kommando und ließ uns die Unbeholfenheit erkennen, mit der all die Henker, Vampire und Gespenster dort zusammengeschustert waren.

Wir hatten sie durchschaut. Doch das Leben ist kein Ponyhof und keine Geisterbahn. Es birgt wahrhaftige Gefahren, die nicht nach fünf Minuten Fahrt vorüber sind. Demzufolge kann es viel stärkere Emotionen antriggern als eine Bude auf der Kirmes. Umso mehr sind wir gefordert, unsere Vernunft einzuschalten.

An der derzeitigen Lage unserer Welt ist niemand wirklich schuld, da können unsere Emotionen noch so lange versuchen, uns anderes empfinden zu lassen. Und etwas daran ändern können nur wir selbst. Das müssen wir erkennen und das tun oder lassen, von dem wir eigentlich wissen, dass es richtig ist. Auch wenn wir es manchmal nicht wahrhaben wollen.

Michael Herl ist Theatermacher und Autor.

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