Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Berlin im November.
+
Berlin im November.

Kolumne

November-Blues in Berlin

  • Inge Günther
    VonInge Günther
    schließen

Auch dick vermummt in Cafés lässt sich der Delta-Tsunami genauso wenig ignorieren wie die Regenwolken, nach deren Abzug sich ein rosaroter Himmel entblößt. Die Kolumne.

Es ist nicht unbedingt empfehlenswert, den November in Berlin zu verbringen. Den trübsten aller Monate, in dem sich die vielgerühmte grüne Hauptstadt in tristes Grau verwandelt. Aber ich hatte Sehnsucht nach meiner ersten Heimatadresse, nach Freundinnen und Freunden, den Kids meiner Patchwork-Familie sowie Termine (die am Ende coronabedingt über den Haufen flogen).

Da ich längst mit dem dritten in Jerusalem verabreichten Biontech-Shot geboostert bin, wie es auf Neudeutsch heißt, dazu vollgetankt mit nahöstlicher Sonne, schreckte mich auch die Aussicht auf eine Überdosis an Nebel und Niesel nicht ab.

Man muss sich nur den deutschen Winter kürzer rechnen, als er meteorologisch ist. In Berlin braucht es dazu nicht mal Fön wie in München. Hauptfaktor meiner Kalkulation sind die Straßencafés, die selbst an nasskalten Novembertagen der Witterung trotzen.

Solange dort noch Gäste dick vermummt hocken, kann man eigentlich nicht von Winter reden. Und in Charlottenburg, Kreuzberg oder Mitte sind sie an jeder Ecke zu finden: Leute, die unter Markisen oder hinter Plastikplanen der vierten Jahreszeit ein sommerliches Restgefühl abgewinnen – gewissermaßen ein Nebeneffekt der Pandemie.

Der Delta-Tsunami lässt sich allerdings weit weniger ignorieren als die Regenwolken, nach deren Abzug sich bisweilen ein kitschig rosaroter Himmel über Berlin entblößt. Na ja, zum Schönreden gibt es keinen Grund. Besorgte Anrufe aus Israel erreichen mich, was denn bloß in Deutschland los sei. Anlass ist offenbar eine „Haaretz“-Reportage über Dresden, Titel: „Im Herzen der Corona-Leugnung“.

Den Fokus auf den deutschsprachigen Raum samt Nachbarländern legt auch die „New York Times“ mit der Headline „Geimpft, genesen oder tot: Europa bekämpft Covid-Welle und sich selbst“. Eine kluge Außenansicht des Schlamassels im aktuellen Epizentrum der Infektionen, in das wir gerutscht sind.

Ab sofort, beschließe ich, gilt auch bei mir zu Hause in Berlin 3G. Den Installateur, der zur Abdichtung des tröpfelnden Heizkörpers zu mir kommt, bitte ich trotzdem hinein ohne seinen G-Status abzufragen. Die im Badezimmer drohende Überschwemmung ist die deutlich akutere Gefahr. Im Bekanntenkreis wiederum sind jene, die eine Impfung ablehnen, eine verschwindende Ausnahme.

Obwohl, ganz stimmt das nicht. Wie sich herausstellt, haben die Kinder die jetzt oder demnächst an der Reihe sind, sich immunisieren zu lassen, dazu ihre eigene Meinung. „Auf keinen Fall“, sagt K., ein superschlauer kurdischer Flüchtlingsjunge, der bald zwölf wird, wolle er sich spritzen lassen. Seine Kumpels dächten wie er. In dem Alter gibt nun mal die Peergroup den Ton an.

Bei dem zwei Jahre älteren J. verhält es sich ähnlich, nur umgekehrt. Er will das Vakzin „unbedingt“, so wie die meisten in seiner Klasse, um wieder Indoor-Sport machen zu können.

Für die Impfkampagne an Schulen wird man sich noch was einfallen lassen müssen. So simpel wie zu meiner Zeit, als das Gesundheitsamt vorfuhr und wir nach Jahrgangstufen fließbandmäßig den Piks gegen Masern verpasst bekamen, läuft’s heute nicht mehr.

Jetzt bin ich mit meinen Novembergedanken ganz schön abgeschweift. Passt aber zur Einsicht, die uns das Virus nachdrücklich lehrt: Das Leben ist das, was passiert, derweil wir andere Pläne schmieden.

Inge Günther ist Autorin.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare