Kolumne

Nicht ohne das Kaffeehaus

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Der öffentliche Raum ist dabei, die Gewöhnlichkeit zu verlieren. Corona macht uns zu flüchtigen Passanten. Digitale Geräte machen uns glauben, dass es auch ohne geht.

Allein ins Bistro zu gehen,“ schreibt der französische Ethnologe Marc Augé in seiner Liebeserklärung an das Pariser Etablissement, „war in meiner Jugend eines der ersten Zeichen von Unabhängigkeit, in denen sich das nahende Erwachsenenalter ankündigte.“ Der Eintritt in die Welt des Bistros hatte für Augé, der sich später den sogenannten Nicht-Orten wie Einkaufspassagen und Flughäfen widmete, etwas Verbotenes und zugleich Verlockendes.

Es war das Gegenteil des einengenden Zuhauses, das man verlassen musste, um in unbekannte Welten gleich um die Ecke zu gelangen. Aber wenn man erst einmal unterwegs war, wurde, was eben noch fremd und verunsichernd wirkte, bald zu einem liebgewonnenen Refugium. Kein Problem, es mit Freunden zu erkunden. Nachhaltiger aber war die allein gemachte Entdeckung.

Der Wiener Schriftsteller Peter Altenberg (1859 – 1919) gilt wie kaum jemand sonst als Kaffeehausliterat. Aus einem kurzen Text geht recht gut hervor, warum: „Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene – ins Kaffeehaus (…) Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus – ins Kaffeehaus. (…) Du hasst und verachtest Menschen und kannst sie dennoch nicht missen – Kaffeehaus.“

Die Möglichkeit, unter anderen für sich zu sein, gehört seit jeher zu den Vorzügen jenes Ortes, an dem man sich seine Wünsche zumindest in kulinarischer Hinsicht erfüllen kann – und sei es auch nur in Form eines doppelten Espresso.

Die Selbstverständlichkeit dieses so freien Rückzugsortes ist jedoch dahin, und das nicht erst, seit die Köchin Sarah Wiener mit der Bekanntgabe der Insolvenz ihres Unternehmens deutlich gemacht hat, wie ernst die Lage ist. Corona frisst kulturelle Gelegenheitsräume, deren Zweck darin bestand, einen freien Platz zu gewähren.

Wenn hier von Abschied, Niedergang und Verschwinden die Rede ist, dann ist das natürlich eine Übertreibung, die direkt aus einer launigen Kaffeehausrunde stammen könnte, wo man die Stimme bisweilen heben muss, um sich Gehör zu verschaffen.

Cafés werden wieder öffnen, und viele werden die Ausgangsbeschränkungen der Corona-Zeit überleben. In die Defensive geraten aber ist die naheliegendste Form der Begegnung, das „Schnell-mal-weg“ auf einen „Kaffee“. Wo eigens Verabredungen getroffen werden müssen, mangelt es an der Beiläufigkeit, die dem Ort wesentlich ist.

Natürlich ist Corona nicht an allem schuld. Cafébetreiber wussten auch schon vorher ein Klagelied über Kunden zu singen, die die attraktivsten Plätze im Lokal besetzen und sich stundenlang an einem Warmgetränk festhalten.

Der Traum vom eigenen Café bezieht sich auf die Vorstellung einer geselligen Daseinsform, als es unternehmerisch noch aufzugehen schien, die anderen mit Getränken und kleinen Süßspeisen zu erfreuen. Vom Ausschank allein aber kann niemand mehr leben, wenn man bedenkt, wer alles mitverdient am Gefühl sanft durch die Kehle rinnender Säfte: das Finanzamt, die Gema, der Steuerberater, der Hersteller verpflichtend zu verwendender elektronischer Kassen. Und dann ist die Rechnung für die Kaffeebohne noch gar nicht beglichen.

Der öffentliche Raum ist dabei, seine Gewöhnlichkeit zu verlieren. Corona macht uns zu flüchtigen Passanten, und die digitalen Gerätschaften machen uns glauben, dass es auch ohne geht.

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