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Der Kolonialismus ist nie ganz aus den Köpfen verschwunden.
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Der Kolonialismus ist nie ganz aus den Köpfen verschwunden.

Kolumne

Nicht nur erinnern

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Wir haben den Kolonialismus nie überwunden, sondern ihn perfektioniert und ihm lediglich ein harmlos wirkendes Mäntelchen übergeworfen. Die Kolumne.

Eigentlich ist das ja nicht nur löblich, sondern längst überfällig – nämlich das zu tun, was man leichtfertig als „Vergangenheitsbewältigung“ bezeichnet. Immerhin ist es mehr als hundert Jahre her, dass Deutschland durch den Versailler Vertrag gezwungen wurde, seine besetzten Gebiete in Afrika, Asien und der Südsee abzugeben. Vorbei waren fast vierzig Jahre Schreckensherrschaft und Niedermetzeln wehrloser Einheimischer.

Nun wurden im Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst in Berlin Ausstellungen zu diesem Kapitel deutscher Geschichte eröffnet, das „in unserem kollektiven Gedächtnis lange Zeit entweder glorifiziert oder aber gänzlich vergessen wurde“, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Eröffnungsrede mahnte.

Recht so. Doch wie weiter? Die Museen schreiben, „die Auseinandersetzung mit postkolonialen Stimmen und Perspektiven“ stehe hier ebenso im Zentrum „wie die Entwicklung einer methodischen Praxis für einen dauerhaften und transparenten Reflexionsprozess über das Fortwirken kolonialer Praktiken“. Aha. Verschwurbelt formuliert, aber ebenfalls recht so.

Die große Frage stellt sich nun aber: Was versteht man dort unter dem „Fortwirken kolonialer Praktiken“? Ist es das, was auch ich darunter verstehe? Ich fürchte nein. Denn meine These ist: Wir haben den Kolonialismus nie überwunden, sondern ihn perfektioniert und ihm lediglich ein harmlos wirkendes Mäntelchen übergeworfen. Der einzige Unterschied zu damals: Wir marschieren nicht mehr mit Kanonen und Macheten ein, sondern schicken lediglich Waffen dorthin und lassen andere morden.

Ansonsten hat sich nichts geändert – es wurde nur schlimmer. Eingeborene weben, nähen und färben unsere Klamotten, schrauben unsere Computer zusammen, bauen unser Essen an, verbrennen unseren Sondermüll und roden ihre Regenwälder, damit dort Soja zur Mästung unserer Schweine, Rinder und Hühner angebaut werden kann.

Manche von uns bemühen sich immer noch höchstselbst dorthin. Sie kommen aber als Touristen und lassen sich in Resorts von Billiglöhnern bedienen oder in Stundenhotels befriedigen oder am Strand wilde Fruchtbarkeitstänze vorführen. Oder aber sie futtern sich auf Kreuzfahrtschiffen die Wampe rund, umsorgt von Menschen, für die keine Mindestlöhne gelten, weil die Pötte unter Billigflagge fahren.

Frank-Walter Steinmeier sprach in Berlin von „blinden Flecken in unserer Erinnerung“. Doch Herr Bundespräsident, wir brauchen uns gar nicht zu erinnern, wir müssen nur auf die heutige Realität sehen.

Ich wundere mich ja schon seit Jahren, warum sich noch keiner jener allgegenwärtigen Überkritischen über den Namen „Edeka“ aufregte. Zur Information: Das ist die Abkürzung von „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler“. Huii! Skandal, Skandal!

Mitnichten. Denn den Namen zu ändern wäre genauso schwachsinnig, wie den Sarotti-Mohr zu arisieren oder einen Mohrenkopf „Schaumkuss“ zu nennen. Es wäre eine reine Symptomklitterung und würde nichts am Kern des Problems ändern.

Zudem handelt es sich ja sowieso um eine jener vielen Handelsketten, in denen all das verkauft wird, das wir unter Ausbeutung der Eingeborenen herstellen lassen. Passt doch. Denn wie gesagt: Es hat sich nichts geändert.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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