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Trotz der scheinbaren Gewöhnung erstaunt es immer wieder, wie lang die Nadel ist, die tief im Oberarm versenkt wird.
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Trotz der scheinbaren Gewöhnung erstaunt es immer wieder, wie lang die Nadel ist, die tief im Oberarm versenkt wird.

Kolumne

Nicht nur ein Pieks

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Im großen Impftheater wird die Verletzlichkeit von Körper und Seele verhandelt und der Verdacht geschürt, dass es um weit mehr als nur einen kleinen Einstich geht.

Wenn es an thematischer Abwechslung mangelt, wird die Bilderarmut zur Qual der Bildmedien. In stereotypen Wiederholungen werden im Fernsehen seit Wochen Hände in blauen Plastikhandschuhen gezeigt, die sorgsam Impfampullen sortieren oder Spritzen aufziehen – ein kleiner Tropfen der Ungewissheit. Und wenn der Oberarm erst desinfiziert ist, wird in diesen Szenen gnadenlos zugestochen, als gelte es, bereits vor dem Start des großen Impfens den Beweis zu erbringen, dass die begehrten Präparate in ausreichender Menge zur Verfügung stehen.

Zumindest in visueller Hinsicht ist alles vorbereitet. Einige Hunderttausend Mal ist inzwischen wohl eingestochen worden. Trotz der scheinbaren Gewöhnung erstaunt es mich immer wieder, wie lang die Nadel ist, die tief im Oberarm versenkt wird. Die Wirksamkeit des Schutzes wird hier mit einer Vorstellung von Schmerz verknüpft. Vorbei die Zeit, in der eine Schluckimpfung als süßes Versprechen galt. Es herrscht kollektives Zusammenzucken.

Man darf den Sendern die besten Absichten unterstellen, wenn sie die Impfung als reibungslose Normalität präsentieren. Ein kleiner Stich für einen Menschen, ein großer Dienst an der Menschheit. So ähnlich hatte es unlängst der israelische Staatspräsident Benjamin Netanjahu bei seiner demonstrativen Impfung in Anspielung auf den Satz des Astronauten Neil Armstrong gesagt. Männer des Fortschritts wählen einfache Metaphern. Seht her, ich gehe voran, hat er seinem Wahlvolk wohl zurufen wollen. Netanjahu hielt seinen entblößtem Arm ins Bild und sah dabei so jugendlich aus wie lange nicht.

Nicht ungerührt sehe ich jene in großer Häufigkeit gezeigten Szenen, in denen alte Menschen geimpft werden. Geduldig lassen sie das Procedere über sich ergehen in einer Haltung, die verrät, dass ihren Körpern in ihrer langen Lebenszeit schon ärgere Schmerzen zugefügt wurden. Die sich immerzu wiederholenden Einstiche geben der Vermutung Raum, dass hier ganz ausdrücklich ein wunder Punkt berührt werden soll. Im großen Impftheater wird die Verletzlichkeit von Körper und Seele verhandelt und der Verdacht geschürt, dass es um weit mehr als nur einen kleinen Einstich geht.

Sehr viel ist jetzt von Vulnerabilität die Rede, von Lateinisch: die Wunde. Man umhüllt die Verletzlichen mit einem Fremdwort und meint sie auf diese Weise vorsorglich auch sprachlich zu schützen. Den Vulnerablen, so heißt es, gehöre unsere Fürsorge, zugleich aber bringen wir sie auf Distanz. Die Gefährdeten, sagt diese Ausdrucksweise, sind nicht wir. Indem wir eine in der Soziologie gebräuchliche Formulierung wählen, machen wir die Vulnerablen zu einem Beobachtungsgegenstand. Die Vulnerablen sind viele – alte Menschen, Kranke, und für Krankheiten anfällige. Die Schützenswerten sind die anderen, wir hingegen hoffen, die Starken zu bleiben. Vulnerabilität ist der Gegenbegriff zur Resilienz. Die Widerstandsfähigkeit der meisten aber hat in der Pandemie Risse bekommen. Je länger die Zeit der sozialen Fragilität anhält, desto deutlicher wird, dass der Gruppe der Vulnerablen wir alle angehören.

Die Bilder vom Impfen verweisen auf die Risse auch im gesellschaftlichen Körper. Mit dem kleinen Einstich aber ist die Hoffnung verbunden, dass sich die Wunde wieder schließen möge.

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