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Der Comedian Dave Chapelle – hier bei einem Auftritt bei der Oscar-Verleihung 2018 im Dolby Theatre Hollywood – begreift sich als Teil des „Team TERF“, solidarisiert sich mit sogenannten radikalen Feministinnen, die Transfrauen als bedrohlich darstellen.
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Der Comedian Dave Chapelle – hier bei einem Auftritt bei der Oscar-Verleihung 2018 im Dolby Theatre Hollywood – begreift sich als Teil des „Team TERF“, solidarisiert sich mit sogenannten radikalen Feministinnen, die Transfrauen als bedrohlich darstellen.

Kolumne Studnik

Nicht lustig: Dave Chapelles Netflix-Special offenbart viel über unsere Zeit

  • VonJoane Studnik
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Es ist unangebracht, wenn eine Gruppe ihre Erfahrung von Diskriminierung dadurch zu überwinden sucht, indem sie weiter nach unten tritt.

Vom US-Comedian Dave Chapelle hatte ich erst vor etwa einem Monat erfahren – durch einen Boykottaufruf, den ich nicht unterzeichnet habe. Die Wellen vor allem in LGBTI-Kreisen schlugen hoch, nachdem der Streaming-Anbieter Netflix ein Special veröffentlichte, in dem sich Chapelle vor allem über Transpersonen lustig macht, Lesben und Frauen generell. Die aufgezeichnete Live-Show ist erkennbar als rotzige Provokation gegen einen angeblich unerträglichen Woke-Zeitgeist gedacht.

Hemmungslos plaudert Chapelle daher, was seine Fans wohl auch schon immer mal laut aussprechen wollten. Eine als „strange“ empfundene Toiletten-Begegnung mit einer Transperson, sein obsessiver Drang, Transfrauen beharrlich als Männer zu missgendern und sich über kuriose Pronomen nicht-binärer Personen zu wundern: Jeden dieser krachledernen Gags quittiert ein heterogenes Publikum mit feixendem Applaus.

Dave Chapelle im Zentrum seiner öffentlichen Therapiesitzung: Offenkundig missratene Gags

Erst beim zweiten Versuch überwand ich mich, die Sendung bis zum Ende zu sehen. Gleich zu Beginn setzt Chapelle mit einer Anekdote zu einem wohl selbst als Kind erlittenen sexuellen Missbrauch den Ton, der das gesamte Programm durchzieht: Selbst erfahrenes Leid verarbeitet er als Opfer einer gnadenlos-rassistischen Gesellschaft, die ihm sogar als erfolgreichem Star die ersehnte Anerkennung verwehrt.

Das ist offensichtlich nicht komisch, entsetzlich wird es durch den Kunstgriff, erlittene Demütigungen in einer Art öffentlicher Therapiesitzung zu verarbeiten. Das Publikum ersetzt die abwesende Therapeutin oder den Therapeuten, zeigt sich in dieser Rolle überfordert, lacht grotesk über offenkundig missratene Gags und Statements, die nicht einmal komisch gemeint sind.

„Team TERF“: Comedian Dave Chapelle solidarisiert sich mit versuchter Diskrimierung

Chapelle begreift sich als Teil des „Team TERF“, solidarisiert sich mit sogenannten radikalen Feministinnen, die Transfrauen als bedrohlich darstellen, ihnen den Zugang zu Toiletten oder Umkleideräume verwehren wollen und Transkinder vom Schulsport ausschließen wollen. Solche Diskriminierungsvorstöße, die gegen Grundrechte verstoßen, sind übrigens gerade traurige Realität in mehreren von Republikanern regierten Bundesstaaten.

Chapelle spricht Transpersonen die Leiderfahrung nicht einmal ab, er wertet diese vielmehr gegenüber seiner selbst erlebten Diskriminierung ab, unterstellt weißen LGBTI-Personen, sie seien ja privilegiert. Reality-Star Caitlyn Jenner, die sich vor sechs Jahren als trans outete, dient Chapelle als Beweis für diese Behauptung.

Netflix verweigert Löschung von Comedyprogramm: Buhlen um Beifall von ganz rechts

Nur sind die allermeisten Transpersonen eben nicht privilegiert, erfahren Diskriminierung im Berufsleben, bei Behördengängen und im Alltag, werden überdurchschnittlich häufig depressiv und Opfer gewalttätiger Übergriffe – in den USA übrigens besonders häufig nicht-weiße Transfrauen.

Netflix hat sich trotz massiver Proteste auch innerhalb der eigenen Belegschaft dagegen entschieden, das Special aus dem Programm zu nehmen. Richtig so, vielleicht schauen wir in ein paar Jahren zurück auf diese gequält-unlustige Comedy, so wie Bernhard Hoëcker und Kaya Yanar heute selbstkritisch auf ihre peinlichen Blackfacing-Gags der 1990er blicken.

Chapelle offenbart viel über unsere Zeit: Eine gesellschaftliche Gruppe sucht ihre Diskriminierungserfahrung dadurch zu überwinden, indem sie weiter nach unten tritt, buhlt um den feixenden Beifall von ganz rechts. Fast schon komisch, wäre es nur nicht so unerträglich für diejenigen, die darüber eben nicht lachen können. (Joane Studnik)

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