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Nicht im Stich lassen

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Von: Hadija Haruna-Oelker

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Demonstration gegen Irans Regierung - Frankfurt
Demonstrantinnen und Demonstranten in Frankfurt während einer Kundgebung gegen das politische Regime im Iran. Dabei steht auf einem Schild „Say her name #Mahsa Amini“. © Boris Roessler/dpa

Was bedeutet Solidarität mit den Unterdrückten im Iran? Die Kolumne.

Solidarität ist das Wort der Stunde, wenn es um die Proteste im Iran geht. „Ich bin nicht frei, solange eine Frau unfrei ist, auch wenn ihre Fesseln ganz anders sind als meine“, schrieb die Literaturwissenschaftlerin bell hooks bereits in den 80igern.

Seit dem gewaltsamen Tod der Kurdin Jîna Mahsa Amini ist im Iran das Fass übergelaufen. Der Protest kam nicht überraschend. Alleine im vergangenen Jahr zählte der Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad um die 4000 Proteste - ein Rekordwert seit 2016. Nun haben die Proteste eine neue Dimension. Beziehungsweise wir nehmen sie vor allem dann wahr, wenn wir in den Social-Media-Filterblasen der iranisch-deutschen Diaspora unterwegs sind, die quasi 24/7 damit beschäftigt ist.

Die Menschen darin tun es, weil viele Medien zunächst verhalten reagierten und teilweise immer noch mit problematischen Artikeln überraschen. Artikel, die verkürzt mit „Kopftuch-Protesten“ oder dem fraglichen Untersuchungsergebnis über Aminis Tod von der iranischen Regierung titeln und diese Erzählung damit teilen.

Die Aktiven sorgen sich, weil die mediale Aufmerksamkeitsökonomie dafür sorgen könnte, dass die Berichterstattung ausläuft. Weil es aus medienkritischer Sicht auch um Schlagzeilen geht, die von einem Hype bestimmt werden. Das erklärt, warum sich Nachrichten überschlagen, Geschichten oft nur angerissen werden oder andere, wichtige Themen überlagern können. So wie es am Todestag der Queen geschah, als zur gleichen Zeit die Ukraine einen Durchbruch bei der Eroberung von Charkiw erzielte und diese Nachricht bei vielen schier unterging.

Was, wenn Weltgeschichte geschrieben wird und wenige sie mitbekommen? Das ist schon passiert, auch weil sich in manchen Redaktionen die Haltung findet, dass wenn irgendwo ein Sack Reis umfällt, das hierzulande vermeintlich wenige interessiert, weil es „uns“ weniger betrifft. Nur, dass die Gesellschaften, die es betrifft, schon lange hier zu Hause sind. Willkommen in unserer Migrationsgesellschaft.

Hier also eine Medienschelte, da die Kritik an der Politik. Weil unsere Weltgeschichte zeigt, dass der Protest für Selbstbestimmung schon immer von den Unterdrückten ausging und eine intersektionale, feministische Außenpolitik sie in den Mittelpunkt rückt. Deshalb stellt die „taz“-Journalistin Gilda Sahebi fest, dass wenn die Proteste im Iran kein Fall dafür für Deutschland sind, es sie nicht gibt. Zumindest noch nicht. Weil es bisher nur eine schwache Reaktion der Außenministerin und Kanzler Scholz gab. Allgemeinplätze. Ein Schelm, wer hinter dem Zögern ein Aussitzen vermutet, weil die Hoffnung auf eine Einigung im Atomabkommen und das Interesse an Irans Gas- und Erdölvorkommen vorherrschten?

Jetzt sollen mehr Sanktionen kommen. Man möchte hoffen, dass damit eine politische Wende folgt und sich zudem alle Länder auf einen Abschiebestopp dorthin einigen. Denn das, was im Iran passiert, das gab es so noch nie. Was auch die verifizierten Bilder der BBC zeigen. „Tut mir leid für einen unschönen Tweet nach dem anderen, aber ich muss die Toten dokumentieren“, schreibt die Publizistin Mina Khani.

Und so haben sich im Iran die Widerständigen ein Fenster geöffnet. Es geht um Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Emanzipation. Die Befreiung von einem System, das die Sexualität der gesamten Gesellschaft kontrolliere, erklärt Khani. Es geht hier nicht allein um das Kopftuch. Vorsicht vor falschen Framings.

Im Iran bedeutet der Hijab etwas anderes als in Deutschland, weil das Tragen mit Zwang verbunden ist, während Frauen hier für ihr freiwilliges Tragen diskriminiert werden. Wichtig wäre es, den Fokus darauf zu lenken, wie Menschen dort unterstützt werden können, ohne eurozentrische Werte zu verfolgen. Es braucht dafür eine unbedingte Solidarität, bei der ein ökonomisches Abwägen keinen Platz hat, weil Menschenrechte nicht verhandelbar sind

Hadija Haruna-Oelker ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin.

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