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Nicht einfach

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Von: Harry Nutt

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Jens Spahn (CDU) spricht im Plenarsaal im Deutschen Bundestag in der CETA Debatte.
Jens Spahn (CDU) spricht im Plenarsaal im Deutschen Bundestag in der CETA Debatte. © dpa

Kränkungen lauern überall. Und da sind Entschuldigungen und Geschenke nicht weit.

Der Titel täuscht. Es ist nicht gerade ein Übermaß an Demut zu verspüren, das der frühere Gesundheitsminister Jens Spahn in seinen Buch „Wir werden einander viel verzeihen müssen“ (Heyne Verlag) verbreitet. Der Christdemokrat Spahn schreibt über seine Erfahrungen in der Frühphase der Corona-Pandemie, im Herbst 2019.

Seither wird den verantwortlichen Politikerinnen und Politikern, die bevorzugt von Fehlern reden, viel abverlangt. Den Terminus Schuld, der trotz seiner religiösen Bedeutung vor allem in juristischen Kontexten gebraucht wird, vermeiden sie lieber.

Das altertümlich daherkommende Wort „verzeihen“ hat Konjunktur, es zirkulieren weitere Varianten der Entschuldigung im öffentlichen Raum. Sie wird apodiktisch vom anderen verlangt oder als Bitte artikuliert, wenn Nachsicht oder Milde erhofft wird.

Ob mit überbordendem Pathos versehen oder nur so hin genuschelt: Die Entschuldigung ist in ein unverzichtbarer Bestandteil des kommunikativen Handelns. Sie erscheint angebracht nach zu lautem Betreten eines stillen Ortes oder sie wird demonstrativ eingesetzt, um auf das Verhalten des anderen einzuwirken. Eine Entschuldigung ist kein einseitiger Vorgang, ihre Energie fließt in mehrere Richtungen und verändert die soziale Situation.

Obwohl oder weil vergeben und verzeihen zum intimen Repertoire zwischenmenschlichen Handelns gehören, waren sie seit jeher Bestandteil der Politik. In der europäischen Nachkriegsgeschichte gilt der Kniefall des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt 1970 in Warschau als wortlos-starke Geste gegenüber den Opfern des Holocaust und deren Angehörigen; zuletzt entschuldigte sich der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte für die Rolle seines Landes beim Sklavenhandel in den einst niederländischen Kolonien.

Entschuldigungen wie diese werden nicht selten als symbolischer Aktionismus kritisiert. Dabei schwingt die Unterstellung mit, dass es nicht zuletzt darum gehe, juristisch belastbare Schuldeingeständnisse zu vermeiden.

Wer Entschuldigung sagt, möchte unterhalb der Schwelle rechtlicher, diplomatischer oder wirtschaftlicher Nachwirkungen zu Alltagsroutinen und Gewohnheiten zurückkehren. Wenn sie akzeptiert werden, sind Entschuldigungen große Normalisierer beim täglichen Tun und Lassen.

Schon möglich, dass eine tief verankerte anthropologische Erfahrung das Bedürfnis nach Akten der Vergebung erhöht hat. Kränkung lauern überall, und der Bedeutungszuwachs, den Gesten und Symbole gerade in jüngerer Zeit erfahren, rührt nicht zuletzt aus einem gesteigerten Misstrauen in die Lösungsvorschläge von Politik, Recht und Ökonomie.

Ein traditioneller Umhang, der als Geschenk überreicht wird, birgt plötzlich die Gefahr, als Affront aufgefasst zu werden. Während der Schenkende als übergriffig wahrgenommen wird, betrachtet dieser die Zurückweisung seiner Geste als kulturelle Abwehr oder gar als rassistisch.

Was es mit der Gabe als soziales Totalphänomen auf sich hat, hat der französische Ethnologe Marcel Mauss bereits 1923 in einem grundlegenden Essay beschrieben. Man wird mit ihr nicht quitt, weder ökonomisch, juristisch, moralisch noch ästhetisch. Geschenke, Gegenleistungen, Erwartungen – sie wirken als Tand einer durchökonomisierten Moderne und verweisen doch weit zurück auf das nie verschwundene Archaische.

Harry Nutt ist Autor.

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