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Neue Sichtweise: Der Ukraine-Krieg öffnet vielen die Augen

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Von: Paul Mason

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Der russische Überfall auf die Ukraine hat vieles verändert – und vielen die Augen geöffnet. Die Kolumne.

London/Frankfurt – An den Wendepunkten der Geschichte erhalten vertraute Worte eine neue Bedeutung. Sie funktionieren wie die Scharniere einer Tür, die die Last tragen, wenn ein schweres Hindernis aufgeschwungen wird. Im Jahr 2022 geschah genau das mit dem Wort „Kyiv“.

Im Englischen ist die ukrainische Hauptstadt seit Jahrhunderten als „Kiev“ bekannt, wobei die Betonung auf der zweiten Silbe liegt. Als sich der Ukraine-Krieg abzeichnete und eine Lawine von Journalisten eintraf, lernten wir das Wort auf ukrainische Art zu schreiben und auszusprechen: Kyiv, mit der Betonung auf der ersten Silbe.

Diese winzige Änderung der Aussprache öffnete die Tür zum Verständnis: Es gibt eine ukrainische Sprache, die nicht als Unterdialekt des Russischen angesehen werden will, obwohl sie dem Russischen sehr ähnlich klingt. Das Problem ist, dass bis zum 24. Februar 2022 viele Menschen im Westen dies nicht erkannt hatten. Und ich kann verstehen, warum.

Menschen gehen bei starkem Schneefall eine dunkle Straße in Kiew entlang.
Menschen gehen bei starkem Schneefall eine dunkle Straße in Kiew entlang. © dpa

News zum Ukraine-Krieg: Die Veränderung war nicht mehr zu übersehen

Im Jahr 2011 reiste ich nach Kyiv, um über die Auswirkungen der globalen Finanzkrise zu berichten. Die Oligarchen sahen dort ähnlich aus wie die russischen und verhielten sich auch so. Ein großer Teil von ihnen war immer noch loyal gegenüber Moskau. Die Skinhead-Band, die ich bei ihren Proben inmitten der trostlosen Wohnblocks der Stadt filmte, klang wie die gleiche Art von Skinheads, die man in Moskaus Vorstädten findet.

Doch im Februar dieses Jahres, am Vorabend des Krieges, war die Veränderung nicht mehr zu übersehen. Am Samstagabend, nur fünf Tage vor der Bombardierung der Stadt, sah ich auf dem Hauptboulevard von Kyiv junge Leute in großen Gruppen tanzen, um TikTok-Videos zu drehen. Sie waren so europäisch wie jene, die das Gleiche in Manchester oder Cardiff tun. Immer wieder sagten sie: „Wir wollen nur das Recht haben, Europäer zu sein.“

Für sie, wie auch für die Menschenrechtsaktivisten und die Gewerkschaftsorganisatoren aus dem Donbass, bedeutet „europäisch sein“ die Teilnahme an einem auf Regeln basierten System, das der Rechtsstaatlichkeit unterliegt und das universelle Werte verkörpert.

News zum Ukraine-Krieg: Ihren Anspruch geltend gemacht, Europäer zu sein

Die Klarheit dieses Selbstverständnisses steht im Gegensatz zu der Art und Weise, wie wir im Westen die Entwicklungen in der Ukraine herleiten. Der Maidan-Aufstand von 2013, die russische Annexion der Krim, der Separatisten-Aufstand im Donbass, der Aufstieg des rechten Nationalismus in der Ukraine, die plötzliche Wahl eines Komikers in das höchste Amt des Landes – all diese Ereignisse wurden in den westlichen Medien als komplex und von anhaltender Korruption überschattet behandelt. Sie wurden als Symptome für die „Östlichkeit“ der Ukraine abgestempelt.

Der Sieg, den die Ukraine in diesem Jahr errungen hat, besteht also nicht nur darin, die russische Armee geschlagen, sie aus Cherson und Kupjansk vertrieben und das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte versenkt zu haben. Die Ukrainerinnen und Ukrainer haben vielmehr ihren Anspruch geltend gemacht, Europäer zu sein. Und das nicht nur rhetorisch. Die militärische Frontlinie ist nun die physische Grenze zwischen einer Welt, in der das Völkerrecht eingehalten wird, und einer Welt, in der es nicht eingehalten wird.

Die Nachschubwege der ukrainischen Kampfverbände führen über Lemberg nach Krakau und von dort nach Berlin, Madrid und London. Wladimir Putin kann die ukrainischen Einheiten an der Front angreifen, aber er kann nicht die Fabriken bombardieren, die sie versorgen. Er hat die ukrainische Wirtschaft lahmgelegt, aber es ist ihm nicht gelungen, die Volkswirtschaften zu desorganisieren, die die Kriegsanstrengungen der Ukraine finanzieren und in großem Umfang Hilfen liefern.

Paul Mason lebt als Autor und Journalist in London.

News zum Ukraine-Krieg: Weg zu Frieden führt über Niederlage von Putins Armee

Viele Europäerinnen und Europäer tun sich noch schwer, dies zu akzeptieren und zu verstehen, aber innerhalb von 300 Tagen ist die Ukraine zu einer der führenden Nationen Europas geworden. Diese Tatsache wird, sofern sie nicht ausgelöscht wird, die Geopolitik unseres Kontinents dauerhaft verändern.

Dabei ist es nebensächlich, dass die Ukraine vorerst von der Nato ausgeschlossen bleibt. Putin hat 2014 weder die Krim annektiert noch fingierte Separatisten-Bewegungen im Donbass ausgelöst, weil die Ukraine auf dem Weg in die Nato war. Er tat es, weil die Bevölkerung sich für die Europäische Union, ihre Lebensweise, ihre Kultur und ihre Handelsbestimmungen entschied.

Der Ukraine-Konflikt ist für die europäische Identität existenziell, ob wir es wollen oder nicht. Denn für Putin wird es keine akzeptable Landkarte geben, auf der eine freie, relativ liberale und europäisch orientierte Ukraine eingezeichnet ist.

So wie wir gelernt haben, den Namen ihrer Hauptstadt richtig auszusprechen, müssen wir im Jahr 2023 etwas lernen, was die pazifistischsten Ukrainerinnen und Ukrainer bereits wissen: Der Weg zum Frieden führt über die Niederlage von Putins Armee. (Paul Mason)

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