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Spotify: Neil Young vs. Joe Rogan - Ein alter weißer Mann, der glaubt, noch was sagen zu müssen

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Von: Harry Nutt

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Musiker Neil Young.
Musiker Neil Young. © Robert Michael/dpa

Hinsetzen und Ausdiskutieren ist schwieriger bis unerträglich geworden – das zeigt auch der Fall Neil Young vs. Spotify. Die Kolumne.

Der Unterhaltungswert der Boykottaffäre Neil Young gegen den Streamingdienst Spotify bestand nicht zuletzt in einer heiligen Renitenz des Popstars. Natürlich ging es ihm auch um die Sache, er hatte gute Gründe, gegen den Podcast von Joe Rogan zu intervenieren, in dem dieser falsche Informationen über die Impfwirkung gegen Corona zu verbreiten half.

Große Aufmerksamkeit aber erhielt Neil Young, dem sich bald Joni Mitchell, David Crosby, Graham Nash und Stephen Stills anschlossen, weil er seine bescheidene Marktmacht gegen einen übermächtigen Netzgiganten ins Feld führte. Neil Young machte es, weil er es konnte. Die Geste, auf niemanden dabei Rücksicht zu nehmen, brachte ihm weltweit Respekt ein – oder auch nur generöses Schmunzeln.

Neil Young wehrt sich gegen Marktmacht Spotify

Der Popkritiker Jens Balzer belobigte sogleich Youngs beherzten Altersstarrsinn: „Gut gebrüllt, alter Mann!“ Sein Kollege Lars Weisbrod hielt dagegen. Spotify sei kein Verlag, sondern stelle bloß eine Infrastruktur zur Verfügung – „sozusagen das Straßennetz, auf dem die Bücher aus der Druckerei in die Buchhandlungen, zu den Lesern geliefert werden“. Natürlich wünschten sich Neil Young und Joni Mitchell nicht, fuhr Weisbrod fort, dass Plattformen nach eigenem Gutdünken löschten und regulierten, sondern dass sie es entlang der richtigen Richtlinien täten. „Aber welche sind das?“ Was gelöscht wird und was nicht, solle, so Weisbrod, weder Sache irgendwelcher Fact-Checkerinnen und -Checker von Spotify sein noch die von Popstars, die den Nachweis, einmal tolle Songs geschrieben zu haben, nun als Druckmittel einsetzten.

Da ist sicher etwas dran. Der Weigerung von Neil Young und Co. haftet etwas Illiberales an, wobei das Grundproblem wohl eher in der Annahme steckt, dass eine Plattform wie Spotify etwas Egalitäres sei und für alle gleich zugänglich. Der besondere Charme der Aktion bestand wohl darin, dass die alte weiße Frau und ihr gleichgesinnter Freund, entgegen der Annahme, dass sie noch groß etwas zu sagen haben, ihr Ding durchzogen.

Neil Young vs. Spotify als Teil eines Generationenkonfliktes

Ich jedenfalls bin geneigt, den Vorfall als Teil eines unausgesprochenen Generationenkonflikts zu sehen. Die abgegriffene Floskel vom „alten weißen Mann“ hat ja selbst etwas Verdiktartiges: „Einfach mal die Klappe halten.“

Hinsetzen und Ausdiskutieren ist schwieriger bis unerträglich geworden, und die aus der vermeintlich starken Haltung der Wokeness heraus artikulierten Ansprüche auf Deutungshoheit sind eher nicht auf Abwägen oder die Neugier auf einen zweiten Gedanken aus. Wie soll man die begriffliche Festlegung, dass es sich beim Staat Israel um ein Apartheidregime handelt, anders verstehen als eine Behauptung, über die nicht länger mehr nachgedacht und geredet werden muss? Von historischer Genese und geopolitischen Fakten ganz zu schweigen.

Der juvenile Rigorismus, mit dem politische Aktivistinnen und Aktivisten losziehen, um bevorzugt semantische Beute zu machen, mag schon wegen der erkennbaren Unlust auf Zwischentöne beeindrucken. Die Attraktivität der ewig jungen Propaganda der Tat ist unverkennbar. Ich möchte dieser Verführung aber lieber nicht erliegen. Als älter werdender Mensch habe ich genug damit zu tun, die ersten Anflüge von Regression als coolen Move, wie man heute wohl sagen würde, erscheinen zu lassen. (Harry Nutt)

Hinweis d. Red.: In einer früheren Version des Beitrags war anstatt von Lars Weisbrod von Laura Weisbrod die Rede, wir entschuldigen diesen Fehler.

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