Kolumne

Nachsicht mit den Rücksichtslosen

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Bis wir einen Impfstoff gegen Corona haben, müssen wir Ambivalenzen aushalten. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit ist verständlich, aber nicht hilfreich. Die Kolumne.

Verbitterung macht nicht sympathisch. Und leider vermochte ich in den Bildern von den Demonstrationen gegen Coronabeschränkungen keine Spur von Selbstironie erkennen, die für eine Protestkultur doch so wichtig sind.

Ich erinnere mich an ein Plakat, das während der Demonstrationen nach 1989 hochgehalten wurde, als der Slogan „Wir sind das Volk“ überging zu „Wir sind ein Volk“. Auf dem Schild des einsamen Protestierers stand in lautloser Beharrlichkeit: „Ich bin Volker.“ Vielleicht habe ich ihn übersehen, aber wenn ich mich nicht täusche, war Volker diesmal nicht dabei. Für ihn und seinesgleichen war auf den Straßen von Berlin und anderswo wohl kein Platz.

Aber ich möchte Nachsicht üben, deshalb zitiere ich den Frankfurter Philosophen Martin Seel aus dessen philosophischer Revue über Tugenden und Laster (Fischer-Verlag): „Wer überhaupt jemanden verstehen will“, schreibt Seel, „wie dunkel seine Äußerungen, wie verschlossen sein Wesen und wie verquer sein Verhalten auch sein mag, muss annehmen, dass es einen Sinn hat, wie er sich in seinen Worten und Taten gibt. (…) Selbst die entschiedenste Ablehnung seiner Ansichten und Absichten enthält das Zugeständnis, dass er nicht überall irrt. Andernfalls wären weder seine Absichten noch seine Ansichten als solche erkennbar.“

Wir unterstellen, so legt Seel nahe, den anderen eine Art von Vernunft, und sei es auch nur, um ihnen die Rückkehr in die Gemeinschaft zu ermöglichen, in der man, wenn schon nicht die Erwartung, dann doch die Aussicht auf einen prinzipiell möglichen gesellschaftlichen Konsens teilt.

Der Konsens könnte in diesem Fall in der Aussage bestehen, dass die Existenz einer ansteckenden und die Atemwege angreifenden Krankheit eine gesellschaftliche Gefahr darstellt. Über die Frage, wie damit umzugehen sei, ist derzeit schwer Einigkeit zu erzielen.

Für die meisten dauert die Stillstellung des sozialen Lebens schon viel zu lange. Allein die Vermutung, dass man bald zu drastischen Einschnitten zurückkehren könnte, löst Beklemmungen aus.

Wenn es das war, was die Corona-Leugner zum Ausdruck bringen wollten, wäre ich, wie man floskelhaft sagt, ganz bei ihnen. Einreihen aber würde ich mich nicht – und das nicht nur aus Sorge vor Ansteckung.

Viele haben die Demonstranten Idioten genannt. Idioten aber gehen nicht demonstrieren, jedenfalls nicht, wenn man den Begriff in seiner ursprünglichen Wortbedeutung versteht.

Für die Griechen waren Idiotes selbstbezügliche Privatpersonen, die sich in der Polis aus allen öffentlichen Angelegenheiten heraushielten. Die spätere Bezeichnung eines Dumm- oder Schwachkopfes verkennt das Potenzial der Verweigerung, das die Idiotes zu gesellschaftlichen Außenseitern machte.

In der Bewertung der allgemeinen Gefahren, die im Coronavirus lauern, kann es nicht darum gehen, dass alle das Gleiche denken. Die Corona-Krise verweist auf die Grenzen der aufgeklärten Vernunft, deren größte Chance auf einen Rest von Anerkennung derzeit darin zu bestehen scheint, dass in Kürze ein verlässlich wirkender Impfstoff gefunden wird.

Bis dahin sind wir darauf zurückgeworfen, Ambivalenzen auszuhalten. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit ist in der Zeit wachsender Ambiguität verständlich, aber nicht hilfreich. Auch deshalb braucht es Leute wie Volker. Von Harry Nutt

Vielleicht könnte es schon vor einem Impfstoff Eindeutigkeit geben. Ein Nasenspray könnte gegen Corona helfen.

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