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Gerade jetzt könnte es darauf ankommen, Erkenntnis aus Ungewissheit und Irritation zu gewinnen.
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Gerade jetzt könnte es darauf ankommen, Erkenntnis aus Ungewissheit und Irritation zu gewinnen.

Kolumne

Nach vorn

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Wer nur vorausschaut, gibt nicht nur die Möglichkeit preis, aus der Vergangenheit zu lernen. Es besteht auch die Gefahr, die Gegenwart zu verlieren. Die Kolumne.

Er möchte den Blick nach vorn richten, sagt der Oppositionspolitiker Christian Lindner und beansprucht auf diese Weise einer zu sein, der die Probleme der Pandemie entschlossen anzugehen vermag. Vorn ist die Zukunft, vorn ist nicht hinten, wo die Ewiggestrigen wohnen.

Die Formulierung, mit der einer bekundet, nach vorn blicken zu wollen, ist eine gesellschaftspolitische Phrase, die weithin anerkannt ist. Niemand möchte rückständig sein, jeder will zu denen gehören, die wissen, wo es langgeht. Der Blick nach vorn suggeriert Handlungsfähigkeit, der Blick zurück ist mit dem Makel belastet, nichts beitragen zu können zu den Herausforderungen der Zeit.

Es scheint allgemein akzeptiert zu sein, dass der nach vorn gerichtete Blick blind macht für das, was links und rechts so alles geschieht. Tatsächlich ist es nämlich ein Tunnelblick, der sich abzuschotten versucht gegen alles, was irritiert. Wer sich also als jemand darstellt, der meint, Aussagen über die Zukunft treffen zu können, erhebt sich über all jene, die Einwände, Zweifel und Zwischenrufe anmelden.

Der nach vorn gerichtete Blick basiert auf der Ausblendung all dessen, was nicht auf eine Entscheidung drängt. Im politischen Raum werden Vorausblickende als jene wahrgenommen, hinter denen sich Mehrheiten zu versammeln bereit sind. Alle, die nur aufhalten wollen, so will es der Vorausschauende, mögen verstummen.

Wer nur nach vorn blickt, macht sich jedoch verdächtig, kein Verständnis für all die Dinge zu haben, die hinter uns liegen. Das Zurückgelassene wird als etwas empfunden, das nicht in der Lage ist, zur Zukunft beizutragen. Dabei wusste der schlaue Fontane, dass es geboten ist, mit dem Alten zu gehen, solange es geht, ohne sich dem Neuen dabei zu verschließen.

Der nach vorn gerichtete Blick ist vergangenheitsvergessen. Er diffamiert das abgelagerte Wissen und reagiert gereizt, wenn jemand auf der Geltung von Erinnerungen und dem beharrt, womit man gut gefahren ist. Was zurückliegt, wird als Störung empfunden, Fehler beeinträchtigen die Effizienz. Der Beitrag der Irritation zur Fehlersuche wird leicht übersehen.

In der Sendung, in der Lindner beanspruchte, einer zu sein, der nach vorne blicke, legte er noch nach, dass es nun darauf ankomme, vor die Welle zu kommen.

Vor der Welle wird der Schwimmer und die Schwimmerin getragen. Er muss sich nicht auf die Fähigkeit verlassen, schwimmen zu können, es reicht aus, sich dem Element anzuvertrauen, ohne eigene Steuerung. Vor der Welle, so legt die Metapher nahe, gewinnen wir die Zukunft, aber es scheint eine zu sein, die eine ungute Vergangenheit im Nacken verspürt.

Wer nur nach vorn schaut, ignoriert, was hinter ihm liegt. Die Verdrängung der Angst beseitigt diese nicht, und es ist jenseits der Phraseologie an der Zeit, sich der Kräfte der Störung und der Irritation zu vergewissern. Wer stört, hält auf, scheint alle aufzuhalten, die genau Bescheid zu wissen glauben. Störer und Störerinnen stehen im Verdacht, keine Zukunft zu generieren, und machen darüber hinaus den Eindruck, sich wohlig in der Ungewissheit einzurichten.

Dabei könnte es gerade jetzt darauf ankommen, Erkenntnis aus Ungewissheit und Irritation zu gewinnen. Wer nur vorausschaut, gibt nicht nur die Möglichkeit preis, aus der Vergangenheit zu lernen, er läuft auch Gefahr, die Gegenwart zu verlieren.

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