Kolumne

Mücken, die beißen …

  • Volker Heise
    vonVolker Heise
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Dieses fiese nächtliche Surren, diese erfolglosen Jagden durch die Wohnung : Sie ist der wahre Feind des Menschen.

Da ist es wieder. Das Geräusch. Im Grunde ist es sehr leise. Tagsüber würde ich es wahrscheinlich gar nicht hören. Aber es ist Nacht; eine tiefdunkle, rabenschwarze Nacht.

Ich müsste schlafen, denn morgen ist wieder ein anstrengender Tag, aber das Geräusch irrt im Zimmer umher. Es befindet sich mal in der Nähe des Fensters, mal direkt neben dem Nachttisch, dann wieder oben unter der Decke, wo der Stuck abgebrochen ist. Es ist hochfrequent, Luftdruckschwankungen in schneller Folge, und klingt wie der Bohrer beim Zahnarzt, nur leiser und fieser. Je mehr ich es zu ignorieren versuche, desto gemeiner wird es. Das Geräusch bohrt sich ins Ohr. Es trägt den Namen Mücke.

Es ist nicht nur ein Geräusch. Es ist auch ein Alarmsignal. Denn die Mücke ist eine Stechmücke und wartet nur darauf, dass ich einschlafe. Während ich mich wehrlos von Traum zu Traum bewege, wird sie zuschlagen. Ihr Rüssel wird meine Haut durchstechen und mein Blut saugen.

Sie ist ein Vampir und ernährt sich von den Proteinen und dem Eisen, das in meinem Blut vorkommt. Durch mein Hämoglobin und Albumin ist sie in der Lage, Eier zu legen und Nachkommen aufzuziehen. Dann werden es noch mehr Mücken, noch mehr fiese Geräusche und noch weniger Schlaf. Außerdem jucken die Stiche. Hilfe bringt nur rohe Gewalt.

Wer schon einmal nachts um drei Uhr aufgestanden ist, um Jagd auf die Mücke zu machen, damit endlich Ruhe ist, weiß wovon ich rede. Mit einer Fliegenklatsche in der Hand geht es los. Alternativ hilft auch eine zusammengefaltete Zeitung oder ein streng gebügeltes Handtuch. Es folgt eine Jagd quer durch die Zimmer. Über Betten, durch Flure, in das Bad und die Küche, immer dem Geräusch nach. Sehen kann man die Mücke nicht, schon gar nicht mit Augen, die von Schlaflosigkeit entzündet sind, denn die Mücke ist sehr klein.

Oft glaubt man, sie getroffen zu haben. Es ist eine kurze Zeit lang still, Triumph stellt sich ein, die Becker-Faust wird gemacht, dann, wie zum Hohn, kommt das fiese Geräusch zurück. Dieses Surren. Als ob die Mücke über einen lachen würde. Das steigert nur die Aggression. Blinde Wut ist die Folge, Vasen und Teller gehen zu Bruch, Bilder werden von der Wand gefegt, am Ende ist die ganze Familie wach. Die Mücke aber lebt immer noch.

Es gibt auch Mückenspray. Das ist noch gefährlicher. Nachts liegt man auf der Lauer. Wenn das Geräusch kommt, muss man sich an den Feind pirschen und im richtigen Augenblick auf den Knopf drücken. Aber wann kommt der richtige Augenblick? Wieder beginnt eine Jagd über Tische, Bänke und Stühle, um ihn zu erwischen. Bald ist die ganze Wohnung vernebelt, weil aus einem Augenblick ein Dutzend geworden ist und dann noch mehr. Die Frau hustet und die Kinder heulen, dass man sie vergiften würde. Ein Anruf beim Jugendamt steht im Raum. Die Nacht wird auf dem Balkon verbracht. Da warten noch mehr Mücken. Sie lachen.

Neulich wurde die Mücke als das gefährlichste Tier der Erde bezeichnet. Ein echter Killer. Kein Tier bringt mehr Menschen um. Wenn sie sticht, kann sie Krankheiten übertragen, Malaria oder Gelbfieber zum Beispiel. Wahrscheinlich um die 750 000 Tote jedes Jahr.

Auf Platz zwei der Hitparade folgt der Hund mit 25 000 Toten. Der treue Freund des Menschen ist auch sein zweitgefährlichster Feind. Die Rangfolge lautet hier: Pitbull, Rottweiler, Deutscher Schäferhund. Wahrscheinlich wollen sie nur spielen. Genauso wie die Mücke.

Mit diesem Gedanken schlafe ich ein: Spielt, Kinder, spielt. Am nächsten Morgen bin ich zerstochen und zähle 16 Stiche. Wenigstens bellen Mücken nicht.

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