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Mitgefühl und Selbstmitleid

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Von: Harry Nutt

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Auch die Sache mit Novak Djokovic ist irgendwie völlig verrückt – so wie vieles in der Welt des Sports.
Auch die Sache mit Novak Djokovic ist irgendwie völlig verrückt – so wie vieles in der Welt des Sports. © MIKE FREY/AFP

Das Gespür für Ambivalenz scheint verloren gegangen. So beharren die einen weiter auf dem Schutz der Vulnerablen und die anderen auf der Unversehrtheit ihres Körpers. Die Kolumne.

Erinnern Sie sich an Annika Schleu? Im „Modernen Fünfkampf“ von Tokio hatte sie den Olympiasieg schon vor Augen, bekam es dann aber mit den Launen eines Pferds zu tun. Oder war es umgekehrt? Beim Versuch, das unwillige Wesen zur Fortbewegung zu animieren, setzte sie Arme, Beine und schließlich auch die Gerte ein. Das wurde ihr zum Verhängnis. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Tierquälerei, Schleu erhielt Morddrohungen und sah sich der Häme in den sozialen Medien ausgesetzt.

Dabei hätte sie auch im Augenblick des Versagens noch eine gute Figur machen können. Ach, wäre sie doch einfach abgestiegen. Vielleicht hätte die passende Geste im richtigen Moment aus ihr sogar eine Siegerin der Herzen machen können.

Gilt das auch für den Tennisspieler Novak Djokovic? „Zuneigung und Abneigung“, schreibt der Frankfurter Philosoph Martin Seel, „sind wesentliche Triebkräfte des menschlichen Handelns und wesentliche Produktivkräfte auch. Ohne das Widerspiel von Sympathie und Antipathie würde uns nichts verlocken und widerstreben.“ Im Fall Djokovic wurde dieses Widerspiel in ungeahnte Höhen getrieben. Er ist ein Siegertyp, und er will es sein. Mit profanen Einreiseregeln und Impfpflicht, so wird er sich gedacht haben, mag man aufhalten, wen man will. Aber doch keinen Novak Djokovic.

Von Mitgefühl war aber auch die Rede. Die Tenniskollegin Andrea Petkovic meinte gar, Intimes beitragen zu können. „Soweit ich weiß“, sagte sie der Wochenzeitung „Die Zeit“, „hat Novak zum letzten Mal etwas Süßes im Jahr 2011 in einem serbischen Restaurant gegessen, es waren glutenfreie Pfannkuchen mit Honig.“ Einem wie Djokovic, sollte das wohl heißen, kann man nicht mit Impfstoff kommen.

Den serbischen Schriftsteller Bora Cosic bewegte in der „Neuen Züricher Zeitung“ anderes. „Es ist nicht leicht für das Volk, das fünfhundert Jahre unter türkischer Herrschaft lebte, und ich denke, es war ihm auch nicht angenehm in Titos Jugoslawien, obwohl es die führende Rolle spielte. Vor allem hat es sein Selbstbewusstsein dadurch zerstört, dass es den letzten Krieg gegen das eigene Land verloren hat. Wodurch es zu einer neuen Art allgemeiner Neurose kam, zum Nationalismus.“

Das Verständnis eines so feinsinnigen Autors wie Cosic ist ein wenig vergiftet. Djokovic habe, so mutmaßt er, wie sein Land seinen Kompass verloren. Bei solchen Völkern gebe es ein weiteres Übel, das Übel durch Erfolg. „Es ist viel leichter, wenn uns nicht alles von der Hand geht, wenn wir erniedrigt und beleidigt sind wie irgendwelche armen Leute aus einer Geschichte von Dostojewski. Dann können wir wenigstens, auf die gleiche Art, die slawische und melancholische, unser Elend und unsere Schande auskosten.“

Selbstmitleid sei keine Schande, findet indes Seel. Man dürfe sich ruhig einmal bedauern: „Das sentimentale wie das unsentimentale Selbstverständnis haben beide ein Recht.“ Es werde aber verwirkt, wenn eines von beiden ein Vorrecht für sich reklamiere. Erst im Abstand von maßlosem Selbstmitleid und maßloser Askese könne eine Person zu sich finden. Dieses Gespür für Ambivalenz scheint insgesamt verloren gegangen. Und so sehen wir die einen weiter auf dem Schutz der Vulnerablen beharren und die anderen auf der Unversehrtheit ihres Körpers, warum auch immer.

Harry Nutt ist Autor.

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