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Miteinander reden

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Von: Hadija Haruna-Oelker

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CSD-Parade 2022: Für seinen Lebensstil sollte sich niemand rechtfertigen müssen.
CSD-Parade 2022: Für seinen Lebensstil sollte sich niemand rechtfertigen müssen. © Roberto Pfeil/dpa

Niemand sollte seinen Lebensstil rechtfertigen müssen. Die Kolumne.

Da ist so viel Hass und Unverständnis, so viel Gewalt gegen marginalisierte Menschen. Erst kürzlich zeigte sich wieder, dass neben Rassismus und Ableismus auch Queerfeindlichkeit tötet. Als ein junger Mann auf dem CSD totgeschlagen wurde, weil er andere vor einer verbalen Attacke schützen wollte. Er hieß Malte. Er war trans.

„Nicht trans* Personen müssen rechtfertigen, wie sie leben wollen, oder begründen, warum ihnen das Recht auf freie Entfaltung zusteht, sondern alle, die ihnen das Recht absprechen“, kommentierte Carolin Emcke Maltes Tod mit einem Zitat aus ihrem Buch „Gegen den Hass“ auf ihrer Instagram-Seite. Weil dem ersten Entsetzen darüber viele relativierende Argumentationen folgten. Manche in Zweifel stellten, ob Transfeindlichkeit etwas mit der Tat zu tun haben könnte.

Häufig lässt sich beobachten, wie nicht betroffene Menschen nicht glauben wollen und Zusammenhänge abwehren, wenn dabei zu wissen Geglaubtes infrage gestellt wird. Warum ihnen vieles banal oder unwichtiger als anderes erscheint. Eine Debatte über die Ansprüche marginalisierter Menschen der nächsten folgt und immer neue Kampfbegriffe hochgejazzt und künstliche Gegner kreiert werden. Hoch im Kurs jetzt die „woke Bubble“, definiert als homogene Masse, angetreten, um andere zu canceln. Als sei es ein Club, dem man beitreten kann.

Wokeness. Ein Wort, über das inzwischen eine Menge dürftig recherchierter Annahmen und wenig Wissen kursiert. Der größere Kontext, der mit Leib- und Lebensgeschichten zu tun hat, wird wenig verhandelt: Eine damit verbundene Lebensgefahr, die keine Einbildung ist, sondern ein Erbe unserer Gesellschaftsgeschichte. Diese Vergangenheit ist nicht ungeschehen zu machen, und ihre Folgen haben sich in unsere gesellschaftlichen Routinen und Sozialisierung eingespeist.

Nach dem Suizid der von Gegner:innen der Corona-Maßnahmen bedrohten österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr lese ich in Kommentaren auf Twitter von Menschen, die sich inhaltlich nicht mehr kritisch äußern wollen, um sich zu schützen. Es kann Menschen in Gefahr bringen, die Kritik üben, weil ihre Adressen im Netz öffentlich gemacht, sie gedoxxed werden, damit ihnen Schlimmes widerfährt.

Auch auf Instagram verwischen in vielen Kommentarspalten die Argumente eines Nicht-Aufeinander-Eingehens in ein Aneinander-Vorbeischreien und -schreiben. Da ist so wenig echte Auseinandersetzung, was erklärt, warum Debatten um anerkennende Sprache oder einen zeitgemäßen Umgang mit Büchern und Kinofilmen für Kinder immer wieder gleich diskutiert werden. Aber eines ist klar. Es wird nirgendwo hinführen, sich über Phantom-Verbot-Fragen zu echauffieren, und stetige „Dürfen oder nicht dürfen“-Fragen“ schüren den Hass, der leise entsteht.

Canceln würde ich deshalb gerne die Panik, die sich insbesondere im Medialen breitmacht. Keinem Menschen soll etwas weggenommen werden, es geht um Perspektivwechsel und sich verändernde Wahrnehmungen.

Wie toll wäre es, wenn sich mehr Menschen mit einer auf die Gleichbehandlung aller ausgerichteten Einstellung emanzipieren wollen würden. Das würde auch bedeuten, sich wehrhaft gegen die wachsenden reaktionären Kräfte zu stellen, die unsere Differenz und die Inklusion aller verurteilen.

Wer also nicht von rechts-konservativen Strömungen beklatscht werden will, sollte die zu beobachtenden Abwehrreaktionen überdenken. Denn die Gewalt ernst zu nehmen, bedeutet, die Leben aller wahrzunehmen. In ehrlichen Gesprächen darüber gilt es Widersprüche zwischen uns auszuhalten, weil wir noch zu wenig voneinander wissen. Aber das kann sich ja ändern.

Hadija Haruna-Oelker ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin.

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