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Mir gehts gut – eine Antwort die niemand hören will.
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Mir gehts gut – eine Antwort die niemand hören will.

Kolumne

Mir geht es sehr gut

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Solch eine Antwort will im Land der Leidenden und Lamentierenden niemand hören. Jedenfalls nicht auf die Frage: Wie geht’s? Die Kolumne.

Eigentlich kennt man das ja als Phänomen aus den USA. „How are you?“, wird man dort immer und überall gefragt, spürt und weiß aber sofort, dass dies noch unverbindlicher gemeint ist als ein „Servus“ in Deggendorf. Auch nicht viel empathiegeladener, doch wesentlich charmanter macht man das in China mit einem: „Hast Du schon gegessen?“ Man sollte an dieser Stelle auch nicht wahrheitsgemäß antworten, erst recht nicht mit vollem Mund.

Dabei ist es ja grundsätzlich nett, wenn Menschen sich um das Wohlergehen ihrer Nächsten sorgen. Und beide Gepflogenheiten sind keine schiere Heuchelei, denn ihnen wohnt auch etwas Gutes inne. Geht man doch voller guter Hoffnung davon aus, dass das Gegenüber satt und gesund ist. Das entspricht einer positiven Sicht auf das Leben, wogegen ja prinzipiell nichts einzuwenden sein kann.

Doch wie ist das in Deutschland? Anders. In Nordamerika wahrt man gerne einen sonnigen Schein nach außen, indem man Intimes wie etwa die Höhe des Einkommens frankweg hinausplappert, wobei man es allerdings mit der Wahrheit häufig nicht so genau nimmt.

Das glatte Gegenteil ist in Teilen Asiens üblich, nämlich sich eisern verschwiegen und immerwährend freundlich zu geben. Bei uns verhält sich das mal wieder komplizierter. Denn wie soll man auf die Floskel „Wie geht’s?“ antworten? Am einfachsten zieht man sich mit der abgeschwächtesten Form des Jammerns aus der Affaire, dem fürchterlichen, immer öfter zu hörenden „Muss ja“. Denn einerseits möchte niemand die Wahrheit hören, etwa „Ich habe da so ein eiteriges Furunkel im Schritt, das nässt und juckt wie wahnsinnig“, und schon gar nicht ein „Scheiße, habe Krebs“. Andererseits irritiert auch ein schlichtes „Danke, gut“ – denn das ist den meisten zu viel zu positiv.

So traf ich unlängst einen Bekannten auf der Straße. Ich grüßte, er stellte besagte Frage, ich entgegnete wahrheitsgemäß mit „Sehr gut, danke“. Der Mann zuckte zusammen. Damit hatte er nicht gerechnet, schon gar nicht mit einem „Sehr“.

Um mir auf die Sprünge zu helfen, korrigierte er meine Antwort mit einem weinerlichen „Es geht so einigermaßen, gell?“. Schon leicht gereizt zischte ich: „Nein. Nicht einigermaßen, sondern sehr. Sehr gut.“

Ich sah ihn denken. „Das kann doch nicht sein, dass es jemandem ... in der heutigen Zeit ... wo doch alles so ...“, rieselte ihm durchs Hirn, verwirrte ihn aber dermaßen, dass aus seinem Mund nur drei armselige Abers bröckelten: „Aber ..., aber ..., aber ...“.

Ich hatte genug, denn er war nicht der Einzige, sondern einer von vielen aus einem Volk der Leidenden und Lamentierenden, die ständig wissen wollen, wie beschissen es mir geht. Also sagte ich laut und vernehmlich, nein, ich schrie: „Nein! Es geht mir gut! Kannste das nicht verstehen oder willste das nicht?“

„Ja, aber mit dem Theater …“, warf er noch als Joker ein. –„Ja, mit dem Theater. Klar. Wenn man anderthalb Jahre nicht spielt, ist das nicht schön. Und weiter? Wir haben zu essen und zu trinken, wir konnten im Winter heizen, wir sind geimpft. Mann, wir leben in einem der reichsten Länder der Erde. Und wir hatten hier nicht mal eine Überschwemmung! Wieso soll es mir denn da nicht gut gehen?“ Er blickte mich an. Leer. Enttäuscht. Und ging. Schweigend. Endlich.

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