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Das Fenster der Freiheit ist zersplittert

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Von: Joane Studnik

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Ein Blick aus einem Zugfenster am Bahnhof von Lwiw.
Ein Blick aus einem Zugfenster am Bahnhof von Lwiw. © Bernat Armangue/dpa

In der ukrainischen Stadt Lwiw wurde queeres Leben noch unsicher beäugt, doch es durfte sich zeigen. Nach der Flucht bleiben nur Erinnerungen - und die Hoffnung auf bessere Zeiten. Die Kolumne.

Ich sitze mit einem befreundeten russischen Pärchen zum Abendessen in einem beengt-gemütlichen Thai-Restaurant. Es ist noch die unbekümmerte Zeit vor der Pandemie und vor dem Ukraine-Krieg. Wir sprechen über meine Liebe zur westukrainischen Stadt Lwiw. Sie heiße russisch „Lwow“, unterbricht mich Michail barsch, eine ukrainische Sprache gebe es überhaupt nicht.

Hatte ich nicht gerade noch gelesen, wie Zar Alexander II. ukrainischsprachige Publikationen verbot? Etwas zu verbieten, was es angeblich nicht gibt: Derlei verquere Unlogik kannte ich von Kreml-Statements oder aus russischen Propagandamedien. Aber beim geselligen Abendessen im Freundeskreis?

In ein paar Jahren, ereifert sich Michail weiter, würden Geflüchtete in Strömen Richtung Russland ziehen, ihr Heil im Osten suchen, weil unsere dekadenten Gesellschaften dann zusammengebrochen seien.

Daran erinnere ich mich, während Hunderttausende Menschen vor russischem Beschuss jetzt in die Gegenrichtung fliehen, den Westen. Ich lese, der russische Präsident Wladimir Putin sei wohl wahnsinnig. Dabei sitzt der verbreitete Glaube an eine Wiederauferstehung des Großreiches Rus selbst unter hier lebenden, akzentfrei Deutsch sprechenden Menschen aus St. Petersburg oder Moskau tief.

Einige Monate nach jenem entgleisten Gespräch mit Michail lerne ich in der traumhaft schönen Altstadt von Lwiw Kateryna kennen, die sich gerade bei zwei am Tisch sitzenden Freundinnen beiläufig als bisexuell outet. Wir stoßen mit Craftbeer und Limonade an.

Tags darauf lerne ich in Katerynas Küche, Borschtsch und Wareniki zu kochen. Mit zwei Freundinnen besuchen wir eine Ausstellung über Engel in der städtischen Kunstgalerie. Die Stadt feiert Mittsommerfest, wir fahren in einer uralten Straßenbahn in einen Vorort, wo sich Frauen Blumenkränze ins Haar flechten und in farbenfroher Folklorekluft um einen Tümpel tanzen. Ein traumhaft unbeschwerter Mädchen-Sommerabend.

Als mein in Lwiw lebender Freund Peter den ersten Biergarten der Stadt eröffnen will, unterstütze ich ihn auch aus Liebe zu dieser Stadt. Mitten in der Pandemie platzt das Lokal im Sommer förmlich aus den Nähten: Werbung für die ausgelassene LGBTQI-Party brauchte es nicht, die Einladung hat sich rasant via Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet.

Lesben, trans Männer, Neugierige kommen zusammen, tanzen, lachen, singen Karaoke. Ein Fest der Freiheit. Öffentlich gelebte queere Kultur: Das ist in Lwiw und anderen ukrainischen Städten noch neu. Queeres Leben wird noch unsicher beäugt, offene Feindseligkeit oder gar Restriktionen schlagen uns aber nicht entgegen. Den einen oder anderen neugierigen Blick bemerke ich, während ich durch den Sommerabend von Lwiw spaziere, doch vor allem, auch von älteren Leuten, viel unvoreingenommene Freundlichkeit.

Nun ist der Biergarten verlassen: Als Peter seine Stadt Lwiw im Morgengrauen mit den letzten Umzugskisten im Transporter verlässt, heulen bereits die Sirenen. Er hat Todesangst. „Das erste Mal in meinem Leben“, sagt er mir, nachdem er spätnachts in Berlin angekommen ist.

Das Fenster zur Freiheit, das die Ukraine vor ein paar Jahren aufgestoßen hatte, es ist zersplittert. Doch die schmerzliche Ohnmacht, wie zerbrechlich eine offene Gesellschaft ist, sie weicht der Gewissheit: Das zarte Pflänzchen Freiheit wird wieder aus den Trümmern der zerbombten Gebäude sprießen.

Joane Studnik ist Autorin.

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