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Meteorit Mensch

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Von: Manfred Niekisch

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Der Mensch selbst ist zum zerstörerischen Meteoriten geworden. Foto: Armin Weigel/dpa/dpa-tmn.
Der Mensch selbst ist zum zerstörerischen Meteoriten geworden. © dpa

Die derzeitige sechste Welle des Aussterbens ähnelt einem Tsunami. Ein Brandbrief soll wachrütteln, denn zum ersten Mal in der Erdgeschichte schadet der Mensch sich damit selbst. Die Kolumne.

Kein Mensch hat den gewaltigen Schlag gehört, als der Einschlag eines Meteors das Aussterben der Dinosaurier auslöste. Es war die fünfte große Welle des Artensterbens in der Erdgeschichte. Von Menschen gab es damals noch keine Spur. Als diese dann kamen, richteten sie ein paar Hunderttausend Jahre lang keine nennenswerten Schäden an der Natur an. Das änderte sich allmählich vor wenigen Hundert Jahren, und seit weniger als einem Jahrhundert erleben wir die sechste Welle des Artensterbens, einen vernichtenden Tsunami.

Ihn hat kein Naturereignis ausgelöst, sondern einzig und allein der Mensch. Er ist selbst, wie es ein führender Naturwissenschaftler formulierte, zum zerstörerischen Meteoriten geworden. Die Beziehungen zwischen Umweltzerstörung, Artenausrottung und Klimawandel sind manifest und es ist abgesichert, dass das Desaster menschengemacht ist.

Bedarf es da noch einer Berliner Erklärung, wie sie ein Verbund aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Fachdisziplinen gerade verabschiedet hat? Sie nennt sich zwar brav „Erklärung“, passt aber bestens in die Kategorie Brandbrief. Sie benennt die Ursachen, aber auch die erforderlichen Lösungsansätze.

Erster Adressat ist die Bundesregierung. Sie hat derzeit den Vorsitz im Gremium der wichtigsten sieben Wirtschaftsnationen, den G7. Sie muss jetzt ihren ganzen Einfluss geltend machen, sowohl in dieser Rolle als auch als Mitgliedsstaat bei der nächsten Konferenz der Konvention über biologische Vielfalt im europäischen Herbst dieses Jahres in Kunming/China.

Es ist die 15. Versammlung dieser Art, im Fachjargon COP 15 genannt, eine Mammutveranstaltung – natürlich ganz ohne Mammuts, aber wie immer mit einem Riesenaufwand. Seit der ersten COP („Conference of the Parties“) sind mehr Wälder abgeholzt und die Meere stärker verschmutzt worden als je zuvor, die Bodenerosion hat dramatisch zugenommen. Mikroplastik hat es geschafft, bis in tierische Zellen vorzudringen, also Teil der Biologie zu werden. Nie zuvor war mehr Treibhausgas in der Atmosphäre und nie zuvor sind mehr Arten ausgerottet worden.

Gerade weil dies alles längst bekannt ist und dennoch viel zu wenig unternommen wurde, ist diese Berliner Erklärung so dringend nötig. Sie soll und muss wachrütteln. Es ist absehbar, dass ein großer Streitpunkt bei COP 15 den Riss zwischen den Ländern des Südens und den Industrienationen weiter vergrößern wird. Denn die fordern viele Milliarden Dollar, um vom Norden zu verantwortende Schäden zu kompensieren und zu reparieren, doch noch nicht einmal die diesbezüglichen bisherigen Versprechungen sind eingelöst. Derweil wachsen die Umweltschäden ins Unermessliche, wird Reparatur immer teurer und schwieriger – oder unmöglich.

Ausgestorbene Arten holt eh kein Geld der Welt zurück. Es ist die erste der sechs Aussterbewellen, mit welcher die Menschheit sich selbst schadet. Für alle, die bisher Augen und Ohren, Herz und Hirn vor der Realität verschlossen haben, lässt die Berliner Erklärung keine Ausflüchte mehr zu. Schnelles Handeln ist jetzt unerlässlich. Ansonsten werden die Leugner, Bremser, Gleichgültigen und (angeblich) Unwissenden wie ein todbringender Meteorit in die Geschichte eingehen. Allerdings eher schleichend, ohne lauten Knall.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

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