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Mentale Sorgenwellen

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Von: Joane Studnik

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Der Philosoph Peter Sloterdijk.
Der Philosoph Peter Sloterdijk. © Roland Schlager/dpa

Das Leiden unserer teils unsolidarischen Gesellschaft wird mit der Pandemie nicht enden. Die Kolumne.

Pandemie-Leugner, Impf-Skepsis, Verschwörungstheorien: Hätte man diese gesell-schaftlichen Zerwürfnisse, die einen Teil der Gesellschaft erfasst haben, vorausahnen können? Was wird von der Pandemie bleiben, wenn sie hoffentlich bald endet?

Auch ohne virologische Detailkenntnisse weiß Peter Sloterdijk viel über Pandemisches und Immunität. Über „mentale Infektionen“ und „semantische Epidemien“, die sich über „Nachrichten mit hohem Aufregungswert“ übertragen, sagt der Philosoph.

Was wie eine aktuelle Situationsbeschreibung klingt, liest Sloterdijk aus fast 100 Jahre zurück-reichenden Werken Hermann Brochs heraus: Der Schriftsteller prägte in den 1930er Jahren den Begriff „Massenwahntheorie“, hatte dabei die „kollektive Erregbarkeit und Verführbarkeit durch falsche Ekstasen“ der Weimarer Republik vor Augen.

Immer neue epidemiologischen Wellen gehen einher mit „mentalen Sorgenwellen“, erklärt Peter Sloterdijk, bald 75 Jahre alt und gedanklich hellwach. Als „Sphären“ versinnbildlichte er vor Jahrzehnten in der gleichnamigen Trilogie menschliche Beziehungen und Kommunikation als Kugeln oder Blasen – lange, bevor die ersten sozialen Netzwerke entstanden.

Inzwischen beschäftigen uns Filterblasen, innerhalb derer teils abstruse Ansichten gären und sich ungut verbinden. Unsere mediale Gegenwart, die wie Schaum zerperlt und kein Zentrum mehr findet: Ihr Entstehen hatte sich längst angekündigt, bevor die Parallelwelten auf Telegram, Twitter und Facebook heranwuchsen.

Aus heutiger Sicht erscheint Sloterdijks Begriff der „Ko-Immunität“ visionär – nicht epidemiologisch gemeint, sondern angelehnt an die ursprüngliche lateinische Bedeutung einer gesellschaftlichen Gemeinschaftsaufgabe. Immer deutlicher zeigt sich, dass dieser Kraftakt eben nur in „stabiler sozialer Kohärenz“ erreichbar ist.

Dieses Ziel verfehlen westliche Gesellschaften, die zwar hocheffiziente Impfstoffe hervorgebracht haben, aber eben auch eine laute Minderheit von Corona-Verharmlosern und Impfskeptikern. Einem „Kindertraum von Unverwundbarkeit“ hängen diese an, sagt Peter Sloterdijk. Das eigene Immunsystem halten sie für stärker als die epidemiologische Bedrohung, die nur in gemeinschaftlicher Solidarität zu lösen sei.

Einst war Peter Sloterdijk im öffentlichen Streit um die offensichtliche Nutzlosigkeit alternativer Heilmittel als Fürsprecher der Homöopathie kritisiert worden. Darauf angesprochen, vergleicht er Globuli mit „religiösen Sakramenten“. Eine heitere Ironie schwingt dem gegenüber mit, was der streitbare Denker später vielleicht anders formuliert hätte.

Lust am Formulieren kommt Sloterdijk im stillen Zwiegespräch mit Lyrik und Geistesgeschichte. „Du musst dein Leben ändern.“ Dieser Schlusssatz eines Sonetts von Rainer Maria Rilke inspirierte Sloterdijk zu einem gedanklich überquellenden Essay, in dem viele Antworten auf quälende Fragen stecken, die sich heute stellen.

Hätte es wirklich etwa seschs Millionen Corona-Toten gebraucht, um zu erkennen: Das Leiden unserer in erheblichen Teilen unsolidarischen Gesellschaft wird mit der Pandemie nicht enden? Aber, so lese ich heraus, es braucht mehr Übung im Umgang mit pandemischen Krisen, auf die wir zwangsläufig zusteuern werden.

Joane Studnik ist Autorin. 

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