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Warum nur will die Bahn so viel von mir wissen?
Warum nur will die Bahn so viel von mir wissen? © Sven Hoppe/dpa

Wer alles hinterfragt, droht sich selbst und seine Mitmenschen zu überfordern. Auch der Wahn einer Verbesserung von Strukturen hilft nicht immer.

Beim Versuch, mich ökologisch sinnvoll von hier nach dort zu bewegen, bin ich kürzlich fast an einem Fahrkartenautomaten gescheitert. Ich gestehe, ich bin ungeübt, mein Bahn-Ticket per App oder so was zu lösen. Als Gelegenheitsfahrer ohne Bahn-Card bin ich zum Erwerb der Fahrtberechtigung auf den Automaten angewiesen, einen Schalter mit Dienstpersonal gibt es am Abfahrtsort meiner Wahl leider nicht mehr.

Aber warum nur will die Bahn so viel von mir wissen? Im Verlauf des Tippens war ich gerade bei der Frage nach meinem Alter angekommen, als die Verbindung zusammenbrach. Also noch einmal von vorn. Zu guter Letzt kamen nach dem Bezahlvorgang per Kreditkarte vier Belege zum Vorschein, zwei davon Reservierungen, eine für 20 Minuten Fahrt zum Umsteigebahnhof. Ist das nicht auch eine unbotmäßige Form der Papierverschwendung?

Wer so fragt, ist bereits gefangen in einem heillosen Strukturverbesserungswahn. Wir versuchen, den Alltag zu durchdringen und machen uns Gedanken, warum es läuft, wie es läuft und wie es anders sein könnte. Wahrscheinlich vermag eine Bahnerin oder ein Bahner genau zu erklären, wozu mein Lebensalter vonnöten ist. Ich aber witterte Diskriminierungspotenzial.

Ich gehöre einer Generation an, die damit aufgewachsen ist, alles zu hinterfragen. Es tatsächlich zu tun, kann schnell als Symptom einer schwer zu lindernden Krankheit aus dem weiten Feld der Zwangshandlungen gelesen werden.

Mit so etwas bin ich schon früh konfrontiert worden. Als wir Schülerinnen und Schüler uns eines Morgens zur Abreise zu einer Klassenfahrt einfanden, wurden wir gebeten, unser Gepäck an der Seite des Busses abzustellen. Das erschien mir zu unsicher.

Aus Sorge, der Bus könne ohne Gepäck oder mit offener Klappe losfahren, schob ich meine Tasche hinein und drückte anschließend derart heftig auf der Klappe herum, dass sich die Scharniere verbogen. Ergebnis meines Kontrollzwangs war die notwendig gewordene Beschaffung eines Ersatzbusses und die Aufforderung meiner Mitschülerinnen und Mitschüler, von derlei Dingen künftig einfach die Finger zu lassen.

Das Post-Dienstleistungszeitalter indes basiert auf Handanlegen. Supermärkte halten zunehmend sogenannte Self-Checkout-Kassen vor und selbst in Pflegewohnheimen setzt sich der Elektronikchip als Türöffner durch. Als gehe es darum, den Nachweis digitaler Resilienz zu erbringen, werden Routinen aller Art einem fundamentalen Veränderungsdruck ausgesetzt. Manchmal entstehen neue Routinen, manchmal nicht. Nichts vollzieht sich einfach nur so.

Der Münchener Soziologe Armin Nassehi hat kürzlich darauf hingewiesen, wie sehr gelungene Alltagsroutinen, vielleicht sogar ein gelungenes Leben, davon abhängig seien, dass manche Bedingungen der eigenen Praxis latent bleiben, also unsichtbar, ohne dass sie thematisiert werden müssten: „Kontakt mit anderen Menschen, die Nutzung bestehender Infrastrukturen und Verfahren, die Illusion, dass die anderen sich auch an die Regeln halten, auch der Verzicht auf letzte Transparenz.“ All das, so Nassehi, gehe nur mit einem Vertrauensvorschuss in eine Welt, die mehr verberge als vorzeige. Wir würden uns völlig überfordern, so der Soziologe, wenn wir permanent alles im Blick behalten müssten.

Mein Alter habe ich am Bahnautomaten vorsichtshalber falsch eingegeben.

Harry Nutt ist Autor.

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