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Von: Michael Herl

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Einfach mal ein Jahr lang für andere da sein. Denen helfen, die nicht oder nicht mehr können.
Einfach mal ein Jahr lang für andere da sein. Denen helfen, die nicht oder nicht mehr können. © Arne Meyer/dpa

Wenn Egoismus unser Gemeinwesen bedroht, könnte ein soziales Pflichtjahr helfen. Das lässt sich auch juristisch absichern. Die Kolumne.

Eigentlich könnte ich mir das hier heute sparen, denn ich habe es so ähnlich schon mal geschrieben. Doch das ist viele Jahre her, und die Welt war damals eine andere – zumindest für uns in den vor Wohlstand strotzenden Ländern der von uns sogenannten Ersten Welt.

Das hat sich geändert. Den Armen geht es zwar immer noch nicht besser und uns nicht wirklich schlechter. Dennoch verspüren wir Gründe zum Wehklagen – doch ohne uns derer bewusst zu werden. Dabei ist es ganz einfach: Wir fühlen uns wie aus dem Nest gefallen. Wie ein halbnacktes Vögelchen, das ungelenk im bösen Draußen umherwatschelt.

Der Wurmnachschub der Eltern ist eingestellt, wir müssen schleunigst erwachsen werden und vor allem fliegen lernen. Erst jetzt merken wir, wie kommod wir es die ganze Zeit hatten. Wir räkelten uns wonnig in einer Zuckerwatteblase namens Wohlstand und Wachstum, hatten von allem mehr als genug und wuchsen, während andere schrumpften.

So vergaßen wir mit der Zeit, dass wir nicht allein auf der Welt sind. Noch heute führen wir uns zum Beispiel in unserer G7-Gruppe auf wie die Herrscher des Planeten. Dabei repräsentieren wir lediglich einen winzigen Teil der Menschheit und schließen die Milliarden Einwohnerinnen und Einwohner Chinas, Indiens, Pakistans und des afrikanischen Kontinents mal eben aus.

Kein Wunder, dass aus diesem Konglomerat an sieben Schmarotzerstaaten lauter kleine Egomanen hervorwachsen. Die Gesellschaft macht uns im Großen vor, wie man auf Kosten anderer lebt, also machen wir ihr das im Kleinen nach.

Doch so kann kein funktionierendes Sozialgefüge entstehen. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Das sollte reichen. Warum also eine Pizzaschachtel in den Mülleimer werfen? Warum sich als junger Mensch impfen lassen? Warum Älteren seinen Sitzplatz anbieten? Warum den E-Roller so hinstellen, dass niemand drüberfällt? Warum zur Freiwilligen Feuerwehr, wenn es bei mir nicht brennt? Warum, warum, warum.

Ich wüsste Abhilfe: Ein soziales Pflichtjahr. Einfach mal ein Jahr lang für andere da sein. Denen helfen, die nicht oder nicht mehr können. Ich weiß, wovon ich rede – von meinem Zivildienst. In 16 Monaten Rettungsdienst lernte ich mehr fürs Leben als jemals zuvor oder danach. Und ich verspürte erstmals so etwas wie einen Sinn in meinem Dasein. Das kann für einen gerade aus der Pubertät Getaumelten ganz schön wichtig sein.

Und nicht nur das: Ich lernte auch, wie wichtig Teamarbeit ist. Und wie wichtig es ist, sich auf seine Kollegen verlassen zu können und umgekehrt auch selbst ein verlässlicher Partner im Notfall zu sein. Solche Erfahrungen macht man nicht mal an der teuersten Elite-Uni.

Unter Juristen ist die Meinung vorherrschend, ein soziales Pflichtjahr verstoße gegen Artikel 4 der Europäischen Menschenrechtskonvention, wonach niemand gezwungen werden darf, Zwangs- oder Pflichtarbeit zu verrichten. Das ist richtig und wichtig so. Nicht als Pflichtarbeit gilt aber „eine Dienstleistung, die verlangt wird, wenn Notstände oder Katastrophen das Leben oder das Wohl der Gemeinschaft bedrohen“.

Und genau diesen Fall halte ich für gegeben. Denn das Wohl unserer Gemeinschaft ist bedroht. Durch Ignoranz, Egoismus, Selbstversessenheit und soziale Kälte.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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