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Kolumne

Mehr bloßstellen als verhüllen

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Weitere Vorwürfe von Missbrauch in der katholischen Kirche zeigen: Das Mäntelchen der Mitmenschlichkeit ist aufgetragen.

Eigentlich wäre es ja angebracht, kurz vor der angeblichen Geburt des angeblichen Sohns eines angeblichen Gottes mal wieder die katholische Kirche zu kritisieren. Sie macht es einem aber auch leicht.

Schon wieder sind ungeheuerliche Missbrauchsvorwürfe bekannt geworden, dieses Mal im Bistum Trier. Noch ungeheuerlicher, dass man diese schon sehr lange Zeit kannte, aber mit perfider Akribie unter den Teppich kehrte.

Zugegeben, es ist eine gewaltige Aufgabe, ein über Jahrtausende aufgebautes und sorgsam gepflegtes Gebäude aus Lügen, Zwängen und Unterdrückung zum Einstürzen oder wenigstens zum Wanken zu bringen. Doch wenn nicht mal Versuche erkennbar sind, zumindest mal den Putz abzuklopfen, drängen sich Zweifel am ernsthaften Willen zur Veränderung auf.

Das Mäntelchen der christlichen Mitmenschlichkeit ist längst aufgetragen – zumal es schon immer ein kläglicher Fetzen war, der wie ein G-String- Tanga an der Copacabana mehr bloßstellt als verhüllt. Es ist wie beim Abbruch eines Bunkers, auch da hilft meist nur eine ordentliche Ladung Dynamit.

Aber wie konnte es zu solch einem Desaster kommen? Es wäre zu einfach, die alleinige Schuld an der klerikalen Misere einem Haufen alter weißer Männer in krabbelstubenbunter Kostümierung zuzuschieben. Die immer noch lüsternen, doch mittlerweile müden Rüden sind nämlich alles andere als allmächtig und schon gar keine irdischen Stellvertreter der Stellvertreter der Stellvertreter des Stellvertreters eines eigens dafür ersonnenen Gottes – sondern ganz normale Menschen.

Es ist das gleiche Dilemma wie bei vielen weltumspannenden Dienstleistern. Nehmen wir doch mal die Logistikbranche. Da erhält einer die Lizenz zum Zustellen von Paketen, beauftragt damit einen Subunternehmer, der wiederum einen weiteren und so fort.

So entsteht ein System, bei dem die ganz oben nicht mehr überprüfen können, was die ganz unten machen, daran aber auch kein wirkliches Interesse zeigen. Ist man doch getrieben von einem offenbar urmenschlich veranlagten Lechzen nach Profit, daraus folgt das Streben nach Macht, aus dem ergibt sich die Unterdrückung anderer, am Ende steht ein immer mehr um sich greifender Egoismus.

Ob diese Selbstsucht doch eher am Anfang der unseligen Kette steht, erinnert an die Frage mit dem Huhn und dem Ei, ist aber letztlich nicht von Belang. Wichtig ist, was hinten rauskommt – und das ist fürchterlich. Und es widerspricht allem, was jemals als christliches Ideal definiert wurde.

Was macht das mit uns? Und erst recht an Weihnachten? Ich habe da so einen Verdacht. Denn woher mag wohl dieser Schenkwahn kommen? Entspringt er wirklich nur dem Wunsch, anderen Gutes zu tun? Oder wohnt dem üppigen Bestücken des Gabentischs nicht auch ein gutes Stück Egoismus inne?

Im Mai dieses Jahres erschien im US-amerikanischen psychologischen Fachblatt „Journal of Behavioral Decision Making“ eine Studie zum Thema. Nach Experimenten mit fast 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kam man dort zu einem Schluss, den die „Süddeutsche Zeitung“ so beschrieb: „Wer schenkt, baut gewissermaßen soziales Kapital auf, das er an anderer Stelle wieder ausgibt. Es handelt sich quasi um emotionalen Kapitalismus.“ Das passt doch wunderbar zum Wesen des sogenannten Fests der Liebe.

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