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Mehr als eine Rechengröße

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Von: Manfred Niekisch

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Ein unterernährtes Mädchen Bett in einem Krankenhaus in Jemens Hauptstadt Sanaa.
Ein unterernährtes Mädchen Bett in einem Krankenhaus in Jemens Hauptstadt Sanaa. © Mohammed Mohammed/dpa

Hierzulande ist der Erdüberlastungstag nur ein Datum. Andernorts auf der Welt dagegen mangelt es dramatisch an Ressourcen – auch unsretwegen. Die Kolumne.

Bei solchen Meldungen dürften sie sich verwundert die Augen reiben oder auch ihren Ohren nicht trauen: die Bewohnerinnen und Bewohner der Slums von Bombay, der Favelas von Rio de Janeiro und all der anderen Armenviertel in den Großstädten. Ganz ähnlich dürfte es der Landbevölkerung in den meisten Regionen der Welt gehen, die unter Mangel an Wasser, Nahrung und Brennholz leiden.

Deutschland soll, so sagen die Berechnungen, am 4. Mai dieses Jahres den Erdüberlastungstag erreicht haben, also den Tag, an dem unsere Republik ihre ökologischen Ressourcen für das Jahr 2022 aufgebraucht hat.

Das kann niemand von außen erkennen, davon ist hier nichts spürbar, außer dass die Medien ein paar Berichte dazu bringen: Es gibt bei uns ab dem 5. Mai keinen quälenden Hunger, keinen lebensbedrohlichen Mangel an Wasser und Brennstoffen. Das Datum ist eine Rechengröße, die wir als reiches Land mit Technik und Importen großzügig überbrücken können.

Dagegen leiden Millionen Menschen anderswo schon vom 1. Januar an am Ressourcenmangel, und am 31. Dezember war es für sie nicht anders. Wie in den Vorjahren und ziemlich sicher auch noch in den kommenden Jahren. Für sie ist die Übernutzung der Ressourcen täglich und real spürbar, nicht ein statistischer Wert. Sie haben nicht die Möglichkeit, einfach auszuweichen oder es sich gar auf Kosten anderer gut gehen zu lassen.

Wir Deutschen nutzen also seit Mitte dieser Woche mehr Nahrungsmittel und Holz, als in einem Jahr nachwachsen können, und emittieren mehr Kohlendioxid, als unsere Ökosysteme aufzunehmen und zu speichern in der Lage sind. Damit erweist sich Deutschland auch bei dieser Art der Berechnung als eine der führenden Nationen beim Verbrauch natürlicher Ressourcen und bei den Emissionen klimaschädlicher Gase. Weltweit wird der Erdüberlastungstag dagegen erst im Juli erreicht werden.

Doch den Tag haben wir dann schon lange hinter uns, Monate vor vielen anderen Ländern. Deutschland erreicht dieses denkwürdige, verräterische Datum im Jahr 2022 wieder ein bisschen früher als bisher. Und auch der globale Überlastungstag kommt dieses Jahr aller Voraussicht nach ein weiteres Mal früher als im Vorjahr, was schlichtweg bedeutet, dass die Übernutzung der Schätze und Vorräte unserer Erde und der Ausstoß der Treibhausgase zugenommen haben.

Das läuft all den guten Vorsätzen in internationalen Vereinbarungen zuwider, die so schön und ambitioniert formuliert wurden in den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Sie traten am 1. Januar des Jahres 2016 in Kraft und besagen gleich in den ersten beiden Zielen, dass bis zum Jahr 2030 kein Mensch mehr an Hunger, Mangelernährung oder einer anderen Form von Fehlernährung leiden soll, und dass bis dahin auch die Armut in all ihren Formen und überall auf der Erde beendet sein soll.

Die gegenwärtigen Trends sehen allerdings ganz anders aus.

An diesen beängstigenden Entwicklungen hat Deutschland, wie unser Erdüberlastungstag zeigt, einen unverkennbar hohen Anteil. In der Tat spielen wir, wenn es um den Ressourcenverbrauch geht, in der weltweiten Spitzenliga.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

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