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Masken sind wie ein Buch

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Von: Michael Herl

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender. © dpa/(Archivbild)

Ob OP-Variante oder cooles FFP2-Exemplar: Die Wahl des Mund- und Nasenschutzes verrät einiges über Trägerin oder Träger. Die Kolumne.

Eigentlich schämt man sich ja fast, noch über Corona zu schreiben. Will ja kaum noch jemand lesen. Aber den Hinterlassenschaften der Pandemie wird man sich ja wohl widmen dürfen. Zum Beispiel den Masken.

Man hat sich ja schon so sehr an sie gewöhnt, dass man diesem Stückchen Stoff viel zu wenig Aufmerksamkeit widmet. Dabei sind Masken wie ein Buch. Voller Erinnerungen und Erkenntnisse.

Fangen wir mal von vorne an. Nein, nicht ganz von vorne, als die damalige Bundesregierung zuerst die Anschaffung von Masken verschlief und dann irgendwelchen Schund aus Fernost für teures Geld kaufte – um ihn anschließend wegzuwerfen. Nein, das will wirklich niemand mehr lesen.

Aber erinnern Sie sich noch an die Selbstgenähten? Sie waren zwar so nutzlos wie ein Teelicht im Orkan, aber soooo süß! Zusammengebastelt wurden sie von echt netten, häufig in weinrot gekleideten Frauen mit Rucksäcken und feilgeboten in Vollkorngeschäften. Das war toll. Aber halt für’n Arsch. Beziehungsweise nicht mal das. Das wäre wenigstens sinnvoll gewesen, denn an Toilettenpapier mangelte es uns ja heftig.

Egal. Die Naturkostmasken wurden abgelöst durch diese hellblauen, wie man sie aus OP-Sälen kennt. Sie gab es auch in Schwarz. Für die Coolen unter uns. Diese waren übrigens auch die Einzigen, die sich mit AstraZeneca impfen ließen. Alle anderen glaubten der „Bild“-Zeitung und dachten, davon werde man dumm (also von dem Impfstoff).

„Astra verimpfe ich nur an Intellektuelle“, sagte damals eine befreundete Ärztin. Da deren Zahl aber bekanntlich überschaubar ist, verschwand das Vakzin schnell von der Bildfläche. Besser gesagt, es wurde in die sogenannte Dritte Welt verschenkt – wo offensichtlich mehr Vernünftige leben als bei uns.

Mit Astra verschwanden auch die selbstgestrickten Vollkornmasken, und die ersten FFP2-Exemplare kamen auf den Markt. Anfang 2021 wurden die ja sogar verschenkt. 34,1 Millionen Bürger der sogenannten Risikogruppen erhielten vom Staat Gutscheine für zwölf Masken, einzulösen in Apotheken. Kann sich wieder kaum jemand dran erinnern. So lange ist das her.

Mittlerweile hat man sich an Mund-und-Nasen-Geschützte gewöhnt. Mehr noch. Masken sagen etwas aus. Sie erlauben eine Typologie unserer Mitmenschen.

Man setze sich nur mal in eine Bahn, wo deren Tragen Pflicht ist. Es gibt da die Maskenverweigerer. Die haben oft einen an der Waffel, oder es sind Leute, die sich früher als „Querdenker“ bezeichneten – aber das kommt ja aufs Gleiche raus.

Dann sind da die „Na gut, wenn’s denn sein soll“-Leute. Die haben sich notdürftig nur das Nötigste ins Gesicht geklatscht, eine jener hellblauen OP-Fetzen. Und mit dem ersten Schritt hinaus aus der Tür reißen sie ihn sich sofort herunter.

Die „Maske find‘ ich gut“-Passagiere benutzen ein handelsübliches, weißes FFP2-Exemplar und tragen es häufig bis nach Verlassen der Station oder sogar noch länger. Und dann sind da wieder die Coolen. Für die wurden die leicht glänzenden FFP2-Luxusvarianten geschaffen. Schwarz wie die Nacht. Für Existenzialisten und Angeber.

Nun allerdings frage ich mich, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme. Ich trage die nämlich auch. Dumm gelaufen. Aber ich fange nun nicht nochmal von vorne an zu schreiben.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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