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Markus Lanz (ZDF): TV-Moderator empört sich über die USA

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Von: Marc Hairapetian

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Markus Lanz debattiert mit seinen Gästen.
Markus Lanz debattiert mit seinen Gästen. © ZDF/Screenshot

Die Whistleblowerin Chelsea Manning ist zu Gast bei Markus Lanz. Außerdem geht es um die WM in Katar im Politik-Talk.

Je später der Abend, desto spannender die Gäste! Dies trifft diesmal sogar auf die oftmals so eintönig ablaufende Talkshow von Markus Lanz zu, in der in diesem sich bald dem Ende zuneigenden Jahr nach Corona der russische Angriffskrieg in der Ukraine das Dauerthema gewesen ist. Scheinbar jeder - mitunter selbsternannte - Experte musste dazu seinen Senf beigeben, nicht immer zur intellektuellen Erbauung des Publikums. Doch am Mittwochabend kommt alles etwas anders. Zu Gast ist nämlich - neben CDU-Politiker Norbert Röttgen, der zumindest äußerlich an Hollywood-Star George Clooney erinnert, und Nahost-Experten Golineh Atai, die seit dem 1. Januar 2022 das ZDF-Büro in Kairo leitet - nämlich Whistleblowerin Chelsea Manning.

Wegen der Veröffentlichung geheimer US-Militärdokumente wurde die IT-Spezialistin Ende Juli 2013 zu 35 Jahren Haft verurteilt, 2017 aber vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama begnadigt. Sie erzählt bei Markus Lanz ihre schicksalhafte Lebensgeschichte. Eigentlich sind es sogar mindestens zwei Leben. Die ehemalige Angehörige der US-Streitkräfte wurde nämlich am 17. Dezember 1987, vor der rückwirkenden Änderung ihrer Geburtsurkunde als Bradley Edward Manning, in Oklahoma City geboren.

Im Mai 2010 nahm man Manning in Haft, da man ihr vorwarf, Videos und Dokumente kopiert und der Website WikiLeaks zugespielt zu haben. Nach einem Teilgeständnis wurde sie Ende Juli 2013 in 19 von 22 Anklagepunkten, darunter Spionage, Diebstahl und „Kollaboration mit dem Feind“, für schuldig befunden. An sich drohte ihr die Todesstrafe, doch diese wurde von der Anklage „großzügiger Weise“ fallengelassen. Nach ihrer Begnadigung am 17. Mai 2017, nahm man sie am 8. März 2019 wieder fest, bis sie im März 2020 aus der Beugehaft entlassen wurde.

Gäste bei Markus Lanz
Chelsea ManningWhistleblowerin
Golineh AtaiJournalistin
Norbert RöttgenPolitiker

Markus Lanz (ZDF): Manning hat einiges erlebt

Bereits 2013 erklärte sie in einer veröffentlichten Verlautbarung, eine Frau zu sein und so bald wie möglich eine Hormonersatztherapie zur geschlechtlichen Angleichung beginnen zu wollen. Seit dem 23. April 2014 ist die Namensänderung in Chelsea Elizabeth Manning rechtskräftig. Im Februar 2015 gab ein Sprecher des Pentagons bekannt, dass die US-Armee die Erlaubnis zur Hormontherapie erteilt habe. Eine Geschlechts-angreifende Operation ist inzwischen bei ihr vollzogen.

Diese Frau hat also wahrlich einiges erlebt, darunter Isolationshaft, Hungerstreik und zwei Suizid-Versuche. Nils Melzer, ein hochrangiger Vertreter der Vereinten Nationen, beschuldigte die US-Regierung sogar der Marter von Manning. In einem Brief an die US-Regierung im November 2019 schrieb er, dass ihre Inhaftierung „alle Elemente von Folter oder anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Bestrafung erfüllt“. Die mutige Frau selbst bezeichnete die Zeit ihrer Inhaftierung nur als Phase in ihrem Leben: „Ich komme voran. Ich werde mich davon erholen.“

Das hat sie - zumindest weitgehend. Bei Markus Lanz präsentiert sie sich dezent geschminkt, mit wallenden Haaren und was noch viel wichtiger ist: energiegeladen! „Ich wollte immer respektiert werden, als die Person, die Frau die ich bin“, sagt sie in der ZDF-Gesprächsrunde und ergänzt mit Rückblick auf ihre Zeit beim US-Militär: „Ich wollte nicht mehr etwas vorgeben, was ich nicht bin: der Hardcore-Macho.“ Sie bezeichnet sich in der Sendung selbst als „Transparenzaktivistin“. Und deshalb sei es ihr eine Herzensangelegenheit gewesen, auf die Missstände, ja die Sinnlosigkeit des US-Einsatzes im Irakkrieg hinzuweisen

Lanz empört sich vollkommen zu Recht

Zum Beleg dieser Worte spielt der Moderator ein Video aus der Zeit von 2003 bis 2011 ein, wo Zivilisten vom amerikanischen Militär daran gehindert werden, sich um Verletzte zu kümmern. „Da schießen Menschen aus einem demokratischen Land auf Menschen, die helfen wollen!“, empört sich Lanz vollkommen zu Recht. „Es erwischt sogar den verdammten Hund!“ Diese Ereignisse bezeichnet Manning, obwohl sie schon lange zurückliegen, als „Effekt der Entmenschlichung“ und rudert dabei aufgebracht mit den Armen. Erschütternd sind die Archivaufnahmen, aber auch die Bilder im Studio. Sie veranschaulichen aufs Beklemmendste, dass Chelsea Manning durch den Irakkrieg immer noch traumatisiert ist.

Die seinerzeitige Ignoranz der US-Medien prangert sie mehrfach an. Versuche der Washington Post, Material physisch zu übergeben, das die US-Streitkräfte belastet hätte, seien genauso gescheitert, wie mit der renommierten New York Times in Kontakt zu treten: „Ich habe von denen nie eine Antwort erhalten.“ Lediglich WikiLeaks habe auf die Dokumente zugegriffen. Das habe den Stein dann ins Rollen gebracht - und sie in zermürbende Isolationshaft. Doch in gewisser Hinsicht habe sich das ganze Martyrium für sie auch gelohnt, denn es hätte sich in der öffentlichen Wahrnehmung etwas geändert.

Mit den Leaks sei eine „Kriegsmüdigkeit Amerikas“ einhergegangen. Konsequenz daraus: „Wir haben kein Sicherheitsgefühl mehr!“ Und die USA „wollen nicht mehr die Weltpolizisten stellen“, wie Lanz treffend anfügt. Das habe auch einen Großteil von Donald Trumps Erfolg damals ausgemacht, der verkündet hatte: „Wir holen unsere Leute nach Hause.“

Lanz gibt sich sensibel und hakt bei Manning nach

Ob Chelsea Manning heute wieder alles so machen würde, wie damals, möchte der diesmal sensibel agierende Gastgeber wissen. „Das werde ich oft gefragt“, antwortet sie nachdenklich, „Hätte ich andere Entscheidungen getroffen, wäre das nicht ich gewesen, die heute hier sitzt!“ Sie wünscht sich, dass manches „sauberer“ verlaufen sei, aber „Halbherzigkeit“ komme für sie nicht in Frage: „Ich hatte immer ein klares Ziel.“ Für ihre Selbstreflexion und Ehrlichkeit möchte man an dieser Stelle auch als Fernsehzuschauer Chelsea Manning danken.

Markus Lanz holt dazu auch Norbert Röttgen ins Boot, der ungewohnt drastische Töne anschlägt: „Der Krieg beruhte auf einer Lüge der USA, dass Saddam Hussein Vernichtungswaffen hätte.“ Dieser Umstand würde bis zum heutigen Tag der US-amerikanischen Außenpolitik nicht gut zu Gesicht stehen. Selbstkritisch sieht er ein, dass es im Nachhinein ein Fehler gewesen sei, für eine US-Intervention im Irak zu plädieren: „Wir waren damals in der Opposition. Ich wusste nicht, dass es eine Unwahrheit war. Aber es stimmt: Ich habe dafür gestimmt, sich am Einsatz zu beteiligen.“

Golineh Atai bringt es dann auf den Punkt: „Das war der Beginn des Verlusts der westlichen Glaubwürdigkeit seit 1989.“ Bis heute habe sich der Irak, der inzwischen vom Iran kontrolliert werde, nicht von Diktator Hussein, aber auch nicht von der US-Intervention und dem Bürgerkrieg erholt.
Wirklich nur sehr kurz wird nun der von Robert Habeck, dem Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz der Bundesrepublik Deutschland, postulierte „Handelskrieg“ gestreift. 

„Amerikaner unterstützen Ukraine mehr als europäische Staaten“

„Die Amerikaner unterstützen die Ukraine mehr als alle europäischen Staaten zusammen“, weiß Norbert Röttgen. „Energiewandel ist ein schlechtes Wort für uns“, zitiert Golineh Atai wiederum ein Mitglied der saudischen Klimadelegation, das sie für das ZDF interviewt hat. Neben Öl werde vermehrt auch Wasserstoff aus den arabischen Staaten nach Europa geliefert. Ein weiterer Einspieler wird gezeigt, indem besagter Saudi im Gespräch mit Altai den Europäern droht: „Ihr werdet es von uns natürlich nicht umsonst bekommen.“

Markus Lanz vom 23. November

Die Sendung in der ZDF-Mediathek

Und noch verschärfter, wobei er auf das vermeintliche „billige russische Gas“ anspielt: „Ihr werdet von einer Abhängigkeit in die nächste kommen!“ Lanz hat dazu gleich eine Zahl parat. Die sechs Golfstaaten um das Gasfeld in Katar, die gemeinsame Sache mit dem Iran machen, könnten sage und schreibe mit der Ausbeutung und Lieferung an Europa 3,5 Billionen Dollar verdienen!

„Wir müssen uns mal ehrlich machen, ob wir nur noch Geschäfte mit lupenreinen Demokratien machen“, gibt Röttgen zu denken. Alles also nur noch korrupt, oder was? Altai sieht ausgerechnet im wegen seiner Menschenrechtsverletzungen immer wieder vehement kritisierten Saudi-Arabien einen Lichtstreif der Hoffnung. Sie meint damit natürlich nicht den 2:1-Sensationssieg des Wüstenstaats gegen den haushohen Favoriten Argentinien beim FIFA World Cup 2022 in Katar. Als sie bei den Saudis gedreht habe, hätten viele Frauen ihre Kopftücher offen getragen und wären nicht verschleiert gewesen. Sie selbst habe kein Kopftuch aufgesetzt und niemand wäre dagegen eingeschritten.

Auch WM 2022 ist bei Lanz Thema

Die Frauen würden vor Ort mit „großem Selbstbewusstsein“ daherkommen, hegten gegenüber ihrem Kronprinzen aber auch eine „Dankbarkeit“, der sie gewähren ließe. Sogar Graffiti-Künstlerinnen könnten Frauenbilder unbehelligt in der Öffentlichkeit an die Wände sprühen - freilich mit „unpolitischen Botschaften“, während ein junger Musiker in einem Tonstudio in Dschidda von einem „Akt der Selbstbefreiung“ sprechen würde. Geschehen etwa Zeichen und Wunder in der streng islamischen Welt? Vielleicht bis zum nächsten „Backlash“ wie Atari befürchtet… (Marc Hairapetian)

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