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Der Wandel des Anton Hofreiter: Man lernt nie aus

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Von: Michael Herl

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Anton Hofreiter, damals noch grüner Fraktionsvorsitzender, im November 2021.  Als Vertreter einer ehemals pazifistischen Partei fordert er heute vehement die Lieferung schwerer Waffen an die von Putins Russland überfallene Ukraine.
Anton Hofreiter, damals noch grüner Fraktionsvorsitzender, im November 2021. Als Vertreter einer ehemals pazifistischen Partei fordert er heute vehement die Lieferung schwerer Waffen an die von Putins Russland überfallene Ukraine. © Kay Nietfeld/dpa

Man muss bis ins hohe Alter bereit sein, Neues aufzunehmen und Erfahrungen zu überprüfen. Auch das lehrt uns Anton Hofreiter. Die Kolumne.

Berlin – Eigentlich sammelt man ja im Laufe des Lebens Erfahrungen, auf die man im Laufe des Lebens bauen kann. Das ist auch gut so. Denn sonst müssten wir immer wieder ausprobieren, ob Kacka lecker ist oder vielleicht erst lecker wird, wenn man Pipi dazu trinkt. So aber probieren wir das einmal aus und wissen für den Rest unseres Lebens Bescheid.

Manche Sachverhalte müssen wir sogar überhaupt nicht testen, das haben andere vor uns schon getan und die Ergebnisse abrufbereit in unserer Genetik hinterlegt. Auch das ist gut so. Denn so wenden wir uns beim ersten Hunger sofort der Mutterbrust zu und nuckeln nicht erst an Stuhlbeinen, Gerichtsvollziehern und Omnibussen herum. Außerdem erspart es uns Flugversuche, das Kuscheln mit knurrenden Kampfhundebesitzern und Spaziergänge in brennenden Wäldern.

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Wir verfügen also ab Werk über einen gewissen Erfahrungsschatz, sind aber darauf angewiesen, ihn ständig zu vergrößern. Das hört übrigens nie auf. Viele denken, irgendwann alles zu wissen und alles zu können, und merken nicht, dass sie damit schon die ersten Schritte ihres Ablebens einläuten.

Man muss also bis ins hohe Alter bereit sein, Neues aufzunehmen und – das fällt vielen nicht leicht – bereits gemachte Erfahrungen immerfort zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren. Besonders schwer wird dies bei der Einschätzung anderer Menschen.

Lebenserfahrung oder Schubladendenken?

Vor vielen Jahren durfte ich etliche lange Recherchereisen durch die USA unternehmen. Ich war Anfang dreißig und meinte, schon einiges erlebt zu haben und über eine einigermaßen fundierte Menschenkenntnis zu verfügen.

Wahrscheinlich stimmte das auch ein wenig – nicht aber im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. So stieß ich etliche Male in abgelegenen Gebieten auf Rudel von Zeitgenossen, denen mein Unterbewusstsein spontan die Stempel „Nicht feindlich“, „Freunde“ oder „Welche von uns“ aufdrückte.

Meist waren es sogenannte Aussteiger, also Leute, die Farmen ökologisch bewirtschafteten, dort Musikfestivals veranstalteten oder Workshops für so allerlei von Yoga über Töpfern bis hin zum sanften Gebären.

Sie trugen löcherige Jeans, wallende Gewänder und zottelige Haare, trommelten Tag und Nacht und kifften dabei ihre Cannabisfelder leer. Gute Leute also, dachte ich. Solche, wie man sie bei uns auf Demonstrationen für den Frieden, gegen Atomkraft und gegen die Nazis fand und wie ich sie in den Vereinigten Staaten von Amerika aus Filmen über den Summer of Love in San Francisco kannte.

Reisen ist tödlich für jegliche Vorurteile – Mark Twain

Das Gegenteil war der Fall. Ich stieß auf Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Kommunistenhass und Kriegslüsternheit – und zwar in einer geballten Form, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Das ist jetzt mehr als drei Jahrzehnte her. Seit einigen Wochen nun muss ich immer wieder daran denken. Wie verblüfft ich damals war, schockiert, konsterniert, enttäuscht. Wie konnte ich mich so irren?

Warum ich daran denke? Wegen Anton Hofreiter. Natürlich werfe ich ihm weder Rassismus noch Antisemitismus, Homophobie oder Kommunistenhass vor. Aber bei Kriegslüsternheit komme ich schon ins Grübeln. Nicht weil er als Vertreter einer ehemals pazifistischen Partei über die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine nachdenkt, sondern wie erschütternd vehement er eine solche fordert. Dieses Wie irritiert mich. (Michael Herl)

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