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Die Maskenaffäre bietet einen guten Aufhänger, um sich zu fragen: Wieso lehren wir, „gute Menschen“ zu sein, wollen aber selbst keine „Gutmenschen“ sein? (Symbolfoto)
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Die Maskenaffäre bietet einen guten Aufhänger, um sich zu fragen: Wieso lehren wir, „gute Menschen“ zu sein, wollen aber selbst keine „Gutmenschen“ sein? (Symbolfoto)

Kolumne

Mach’s gut, Mensch

  • Maren Urner
    VonMaren Urner
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Wer Erfolg hat, bestimmen die Belohnungsstrukturen der Gesellschaft. Doch das sind keine Naturgesetze. Die Kolumne.

Ich will nicht über die Maskenaffäre schreiben. Ich will nicht in die mediale und gesellschaftliche Suche nach Schuldigen und Sündenböcken einsteigen. Ich will nicht die einhundertunderste Stimme zum einhunderundzweiten politischen Skandal aufgrund von Interessenkonflikten sein. Und jetzt mache ich es doch. Warum?

Weil die Maskenaffäre mir einen guten aktuellen Aufhänger bietet, um eine naive, aber vollständig ernst gemeinte Frage zu stellen, die mich seit geraumer Zeit beschäftigt: Wieso lehren wir unseren Nachwuchs vom ersten Tag an, „gute Menschen“ zu sein, wollen aber selbst keine „Gutmenschen“ sein? Oder anders gefragt: Wie kann es sein, dass die Verbindung aus zwei Begriffen, die alleinstehend jeweils positiv besetzt sind, eine Beleidigung sein soll?

Im Jahr 2000 schaffte es der Gutmensch in den Duden und gilt seitdem als „jemand, der sich (in einer als unkritisch oder übertrieben empfundenen Weise) empathisch und tolerant verhält“. Während Wissenschaftler:innen unterschiedlichster Disziplinen fleißig über einen bunten Strauß an Theorien zur Herkunft des Begriffs diskutieren, geht es mir um eine grundsätzliche Erkenntnis: Abgesehen von sehr wenigen pathologischen Ausnahmen will niemand ein schlechter Mensch sein. Und doch leben wir in einer Welt, in der Korruption, Betrug und Gewalt zum Alltag gehören wie das Amen in der Kirche. Stärker noch, wir haben uns an regelrecht paradoxe gesellschaftliche Überzeugungen gewöhnt, die einerseits Moral, Werte und Ethik des anzustrebenden „guten Menschen“ betonen, obwohl andererseits allen klar ist: „Wer es nach ganz oben schaffen will, muss Arschloch sein!“

Wie ist das möglich? Die Antwort auf individueller Ebene liefert die Psychologie. Was die Korrupten, Betrüger und Gewalttätigen nutzen, um ihr Selbstbild vom guten Menschen beim abendlichen Blick in den Spiegel aufrechtzuerhalten, sind verschiedene Strategien der sogenannten moralischen Loslösung. Ein wenig wie ein psychologisches Abwehrsystem wehren die Strategien die ungewollte Vorstellung ab, möglicherweise doch ein schlechter Mensch zu sein. Beispielsweise indem die eigenen Handlungen so umgedeutet werden, dass sie nicht unmoralisch erscheinen oder die eigene Verantwortung inklusive negativer Folgen der unmoralischen Handlungsweisen gedanklich minimiert werden. Wichtig ist hierbei: Wir alle tun das, wenn wir – nur ausnahmsweise – entgegen unseren persönlichen moralischen Überzeugungen handeln.

Mit diesem Wissen beziehungsweise dieser Selbsterkenntnis im Gepäck können wir uns auf die gesellschaftliche Ebene begeben, uns also der Frage nach den „erfolgreichen Arschlöchern“ widmen. Die gesellschaftlichen Belohnungsstrukturen bestimmen, wer Erfolg hat. Ohne mich nun aber auch der Sündenbocksuche hinzugeben, schließe ich eine weitere wichtige Beobachtung an. Eine Beobachtung, die wir leider zu häufig vergessen oder zumindest unterschlagen: Gesellschaftliche Belohnungsstrukturen sind keine Naturgesetze, sondern menschengemacht.

Wir entscheiden, wer befördert wird. Wir entscheiden, wen wir wählen. Und wir müssen entscheiden, ob uns daran gelegen ist, die paradoxe Situation aufzulösen, in der wir aktuell oft versuchen, verzweifelt das „Richtige“ zu tun. Wir entscheiden, ob wir gemeinsam eine Welt schaffen wollen, in der moralische Menschen nicht nur die Kinderbuchvariante des „guten Menschen“ verkörpern, sondern gleichzeitig die erfolgreichen Menschen sind. So könnten wir das psychologische Abwehrsystem der moralischen Loslösung in den Ruhestand schicken.

Die Autorin ist Neurowissenschaftlerin und Autorin.

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