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Lula und der Regenwald

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Von: Manfred Niekisch

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Nach Bolsonaros Kahlschlag wäre es schon ein Fortschritt, wenn die Abholzung Amazoniens unter dem neuen Präsidenten Lula verlangsamt wird.

Geweckt ist sie schon mal, die Hoffnung. Immerhin hat Luiz Inácio Lula da Silva als gewählter Präsident Brasiliens gleich in seiner ersten Rede betont, er kämpfe dafür, die Entwaldung Amazoniens auf Null zurückzuführen und den Klimaschutz wieder ernst zu nehmen.

Da hat er sich einiges vorgenommen. Denn sowohl der sprichwörtliche wie der faktische Kahlschlag, den sein Vorgänger Jair Bolsonaro hinterlassen hat, ist größtenteils gar nicht zu reparieren. Die zu dessen Regierungszeit abgeholzten Waldflächen sind so groß wie halb Hessen. Sie wieder aufzuforsten ist eine nicht zu stemmende Aufgabe, ökologisch, wirtschaftlich, politisch.

Dort entstanden riesige landwirtschaftliche Anbauflächen für Soja und Mais und auch die Rinderzucht breitete sich aus. Man darf getrost davon ausgehen, dass diese Schäden an den Amazonaswäldern weitestgehend irreversibel sind.

Und auch Lula selbst ist kein Feind des Agrobusiness. Umweltschutz-Organisationen von lokalen Kleingruppen bis hin zu großen internationalen Verbänden erinnern sich, dass Blairo Maggi zu seinem Umfeld gehört. Maggi ist der größte Produzent von Soja weltweit. Deswegen sonnt er sich in der Bezeichnung Soja-König. Er könnte auch Baumwoll- oder Maiskönig genannt werden mit seinem Landbesitz von fast einer halben Million Hektar, also knapp doppelt so groß wie das Saarland.

Kann Lula sich von solchen Unterstützenden befreien? Und von denen, die um ihn herum in seinen vergangenen Amtszeiten den Korruptionssumpf gepflegt und ausgeweitet haben?

Wie Maggi zu seiner Zeit als Gouverneur des Bundesstaates Mato Grosso trieben und treiben auch andere mächtige Gouverneure den Ausbau von Verkehrs-Infrastruktur und Industrieanlagen in den brasilianischen Amazonasstaaten voran. Deren Rückbau ist so wahrscheinlich wie der Abriss der bundesdeutschen Autobahnen.

Die gestiegene Gewalt gegenüber indigenen Gemeinschaften und anderen traditionellen Bevölkerungsgruppen könnte ein Ende haben, wenn Lula wie schon während seinen ersten beiden Amtszeiten deren Gebiete wieder stärkt. Diese und Naturschutzgebiete auszubauen, gehörte damals zu seinen erfolgreichen Maßnahmen zur Reduzierung der Entwaldung.

Daran hatte Deutschland einen nicht unerheblichen Anteil, da es im Verbund mit den führenden Wirtschaftsnationen dies im Rahmen des Programms zur Rettung der Wälder Brasiliens (PPG7) mitfinanzierte. PPG7 gibt es nicht mehr, wohl aber die dadurch rechtlich abgesicherten Gebiete. Darauf kann Lula aufbauen. Konsequente Durchsetzung der Umweltgesetze und Stärkung der unter Bolsonaro geschwächten zuständigen Behörden gehören unbedingt dazu.

Lulas hauchdünner Vorsprung bei der Wahl und die lauter werdenden Rufe nach dem Militär bilden in der gespaltenen brasilianischen Gesellschaft allerdings keine sehr belastbare Basis für Handlungsspielräume zum Wohle des Klimas, der Wälder und ethnischer Minderheiten.

Das Motto von Lulas erster Kampagne als Präsidentschaftskandidat im Jahr 2003 lautete Fome Zero (Null Hunger) und half ihm, die Wahl zu gewinnen. Ein wirklicher Erfolg war nicht messbar, zumal konkrete Zielvorgaben fehlten. Auch Null Abholzung in Amazonien ist derzeit leider kein realistisches Szenario. Aber die Hoffnung darauf stirbt nicht, sie lebt wieder.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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