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Lücken im Regal ertragen

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Von: Michael Herl

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Nach den Gesetzen des Kapitalismus, produzieren Hersteller, was am meisten nachgefragt wird, also den größten Gewinn versprach. Ein Umdenken ist zwar spürbar, doch erst sehr zaghaft. Noch ist viel zu tun. Einen großen Schritt weiter sind wir erst, wenn im Supermarkt endlich mal wieder etwas „aus“ ist – und niemand meckert.
Nach den Gesetzen des Kapitalismus, produzieren Hersteller, was am meisten nachgefragt wird, also den größten Gewinn versprach. Ein Umdenken ist zwar spürbar, doch erst sehr zaghaft. Noch ist viel zu tun. Einen großen Schritt weiter sind wir erst, wenn im Supermarkt endlich mal wieder etwas „aus“ ist – und niemand meckert. © Sebastian Gollnow/dpa

Stell Dir vor, im Supermarkt gibt es nachmittags ein Produkt nicht mehr – und niemand meckert. Die Kolumne.

Eigentlich liegen ja die Anfänge von Problemen oft lange vor dem Zeitpunkt, zu dem sie als solche definiert werden. Häufig sind dies stille Entwicklungen, die eine ganze Weile vor sich hin gären und zwar leise Symptome senden, die jedoch nur von Experten erkannt werden. Deren Warnungen aber gelten so lange als Panikmache, bis das Problem fett und gewaltig und nicht mehr aufzuhalten ist. Beispiele dafür gibt es viele.

So berichten Schuldnerberaterinnen und -berater von Menschen, die mit Plastiktüten voller ungeöffneter Mahnungen bei ihnen aufschlagen – und zwar erst, wenn ihnen die Vollstrecker im Genick sitzen. Oder wie oft wird eine Fußgängerampel erst gebaut, wenn einer von vielen Unfällen tödlich ausgeht.

Ein Bilderbuchkandidat ist auch der Lungenkrebs. Er schlummert viele Jahre im Gewebe und wird häufig erst erkannt, wenn eine Behandlung kaum mehr möglich ist. Oder die Flutkatastrophe im vergangenen Jahr. Angesichts verfehlter Forstwirtschaft, Flussbegradigungen, fahrlässigen Bebauungsplänen und dräuendem Klimawandel war sie für viele Fachleute keine Überraschung.

Natürlich passt auch die Covid-19-Pandemie in diese Reihe. Zur Bekämpfung eines weltweit wuchernden viralen Erregers lagen Pläne lange Jahre in den Schubladen der Behörden. Als sie herausgekramt wurden, war es zu spät.

Eine weiteres dieser Probleme ist die Lebensmittelverschwendung. So wird seit einiger Zeit zu Recht beklagt, dass hierzulande Supermarktbetreiber unverkauftes Essbares wegwerfen dürfen, während ihnen das in Frankreich und anderen Ländern seit Jahren bei Strafe verboten ist.

Laut Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung soll da was getan werden – unternommen hat die Ampel-Koalition bislang nichts. Und weiterhin gilt als Dieb, wer sich am Weggeworfenen bedient. Das ist absurd und nicht richtig. Doch wie konnte es so weit kommen?

Nach Angaben der Umweltschutzorganisation WWF landen in Deutschland jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Jede und jeder von uns wirft also täglich etwa 220 Gramm weg. Das ist schlimm – aber nicht erst seit gestern so.

Es ist eine Entwicklung, an der wir selbst schuld sind. Denn es sind nicht die Landwirtschaft und Industrie, die voller böser Absicht jahrzehntelang weit über den tatsächlichen Bedarf hinaus produzierten – es waren wir, die dies verlangten.

Wir bestanden darauf, dass Bäcker noch kurz vor Ladenschluss das volle Sortiment in den Regalen liegen haben. Wir wollten alles immer, und das im Überfluss. Hinzu kam die vermeintliche Ästhetik. „Schöner Fressen“ war die Devise. Nahrungsmittel hatten nicht zu munden, sondern gut auszusehen – und Hässliches landete auf dem Müll.

So ist es kein Wunder, dass die Produzenten neue Sorten züchteten. Äpfel, Gurken und Salate wurden zu gemäldegleichen, aber wässrigen Mutanten, Hühner, Schweine und Rinder zu nahezu geschmacksneutralen Fleischkolossen.

Den Erzeugerinnen und Erzeugern ist das nur bedingt vorzuwerfen, sie handelten nach den Gesetzen des Kapitalismus, produzierten, was am meisten nachgefragt wurde, also den größten Gewinn versprach. Ein Umdenken ist zwar spürbar, doch erst sehr zaghaft. Noch ist viel zu tun. Einen großen Schritt weiter sind wir erst, wenn im Supermarkt endlich mal wieder etwas „aus“ ist – und niemand meckert.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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