1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Lodernde Flammen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Manfred Niekisch

Kommentare

Mikroplastik schleicht sich in die biologischen Systeme, infiltriert die Organismen.
Mikroplastik schleicht sich in die biologischen Systeme, infiltriert die Organismen. © dpa

Brennende Wälder bieten dramatische Anblicke. Was sich in der Meerestiefe abspielt, ist nicht so sichtbar, aber eine mindestens so große ökologische Katastrophe. Die Kolumne.

Es ist ziemlich egal, woher die Bilder stammen. Die Schutzkleidung der Feuerwehrleute, die Aufschrift auf ihren Einsatzfahrzeugen machen kleinere Unterschiede. Ansonsten sind die Aufnahmen brennender Wälder austauschbar in ihrer Dramatik. Der australische Busch, Nationalparke in den USA und in der Sächsischen Schweiz, Naturschutzflächen in Brandenburg oder Urlaubsressorts an der Deutschen liebsten Urlaubsstränden, alles steht in Flammen.

Wäre es nur die Hitze, die schuld daran ist, wäre das Problem vielleicht noch eher beherrschbar. Aber die Dürre, die Trockenheit stellt die Brandbekämpfer vor kaum lösbare Herausforderungen. Jetzt macht sich dramatisch bemerkbar, dass viel zu lange viel zu viel Wasser aus den ober- und unterirdischen Vorkommen abgezogen wurde.

Die besorgten Appelle von Forstleuten wurden nicht ernst genug genommen. Sie haben längst vor den Trockenschäden an ihren Wäldern als Ausdruck großflächigen und tiefgehenden Wassermangels gewarnt. Zudem sind Waldbrände mit Löschen allein gar nicht in den Griff zu bekommen.

Brandschneisen, Gegenfeuer, präventives Management in Ökosystemen sind strategische Ansätze. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Feuerökologie lehren, dass der Ruf „Wasser marsch!“ ohnehin oft nicht ausreicht. Aber ohne Wasser geht es nicht. So sind die Schwierigkeiten der Waldbrandbekämpfung auch die Folge unseres schludrig-verschwenderischen Umgangs mit der Ressource Wasser. Nicht erst die Sturmschäden der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass sich auch die Waldbaupolitik zu sehr am Holzertrag orientiert hat, mit Monokulturen von Nadelhölzern, die besonders sturm- und feuergefährdet sind. Das Umdenken ist – fast zwangsläufig – in vollem Gang hin zu einer vermehrt ökologisch ausgerichteten Forstwirtschaft.

Der Umbau zu naturnahen Wäldern, die gefeit sind gegen den Klimawandel, gegen Trockenstress und die auch noch helfen, den Wasserhaushalt des Bodens zu reparieren sind ein hehres Ziel, zu dessen Erreichung mehr Forschung und viel Zeit nötig sind. Das Primat der finanziellen Interessen der Waldbesitzenden muss sich vernunftmäßig einordnen in die ökologischen Grundlagen modernen Waldbaus.

Die lodernden Aufnahmen von den Bränden alarmieren. Andere Meldungen von mindestens ebenso großer Dramatik müssen ohne solche optischen Aufreger auskommen, kommen eher nüchtern daher.

Wie soll man auch abbilden, was Forschende in einem Verbund der Universität Frankfurt, der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und des Bremerhavener Alfred Wegener-Instituts aus den Tiefen der Ozeane zutage förderten. Im fernen Kurilen-Kamtschatka-Graben fanden sie in allen Proben aus den Sedimenten winzige Plastikteilchen.

Viel mehr, sehr viel mehr als je zuvor nachgewiesen worden waren und viel, sehr viel mehr als erwartet. Und das in Tiefen zwischen 5740 und 9450 Metern. Wie kam all der Dreck dorthin? Er wurde und wird über die Flüsse und Abwässer ins Meer gespült.

Der Müll schwappt in riesigen Müllteppichen an der Oberfläche der Meere, der Großteil jedoch sinkt klein gemahlen ab. Was er da unten anrichtet, kann man erahnen. Mikroplastik schleicht sich in die biologischen Systeme, infiltriert die Organismen. Da brennen keine Feuer, aber alle Alarmsignale.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

Auch interessant

Kommentare