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Liebeserklärung an die „Fixer“

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Von: Johannes Dieterich

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Berichten aus Afrika ist für auswertige Journalisten nicht möglich ohne Menschen, die vor Ort sehr gut vernetzt sind und die Gegebenheiten kennen.
Berichten aus Afrika ist für auswärtige Journalisten nicht möglich ohne Menschen, die vor Ort sehr gut vernetzt sind und die Gegebenheiten kennen. © Eumetsat/dpa

Ohne die Hilfe gescheiter Ortskräfte wäre ein Korrespondent in Afrika aufgeschmissen. Die Kolumne.

Hier kommt eine Liebeserklärung an einen Berufsstand, der genauso unsichtbar wie unverzichtbar ist – letzteres zumindest für Afrika-Korrespondenten. Die Praktizierenden des besagten Berufsstands bleiben meist im Verborgenen, kriegen keine Namenszeile und haben nicht einmal eine anständige Bezeichnung: Jeder Branchenfremde muss bei dem Wort „Fixer“ an einen Rauschgiftsüchtigen denken.

Dabei leben die Fixer, von denen hier die Rede sein soll, alles andere als im Rausch. Sie müssen vielmehr hellwach, besonnen und kaltblütig sein. Denn die ausländischen Journalisten, für die sie arbeiten, sind unter den Obrigkeiten des Kontinents in der Regel so beliebt wie Hundekot am Schuh.

Sie werden gegängelt. Sie werden von Orten, auf die es ankommt, wie Infizierte ferngehalten und misstrauisch beäugt. Mit all dem muss ein Fixer, sei es eine Frau oder ein Mann, umgehen können und gleichzeitig den Korrespondenten bei guter Laune halten – ein Balanceakt, der auch eine Hochseiltänzerin zum Schwitzen bringen würde. Wenn es hart kommt, wird der Journalist höchstens ausgewiesen, während der Fixer mit den Konsequenzen leben muss. Diese können von einem faktischen Berufsverbot bis zu Gefängnisstrafen reichen.

Dass ein Afrika-Korrespondent mehr als alle anderen auf Fixer angewiesen ist, hat gute Gründe. Sein Berichterstattungsgebiet besteht aus mehr als 50 Staaten mit weit über 1000 Sprachen und einer Infrastruktur, die gute Planung erfordert. Ohne Fixer droht der Korrespondent schon auf dem Flughafen seines Zielorts an Dutzenden schreiender Taxifahrer zu scheitern, die ihn alle zu einem anderen Hotel befördern wollen.

Im angenehmeren Fall holt der Fixer den Korrespondenten schon am Flughafen ab, bringt ihn zu einer gemütlichen Unterkunft, in der das Programm der kommenden Tage besprochen wird. Der Fixer weiß, was möglich und was ausgeschlossen ist, was nur riskant und was angesichts der aktuellen Lage heller Wahnsinn wäre. Er hat die Telefonnummern von Politiker:innen und Fachleuten im Adressbuch und verfügt über einen Status, der die Kontaktierten nicht schon beim Erscheinen seines Namens auf dem Display den roten Knopf drücken lässt.

In einem gefühlten Jahrhundert als Afrika-Korrespondent habe ich wenige schreckliche und viele phänomenale Fixer kennengelernt. Gloria aus Äquatorialguinea, Djo aus dem Kongo, Shirwa aus Somalia, Biniam aus Tigray und Munzir aus dem Sudan, um nur einige zu nennen.

Sie waren meist jung, immer gescheit und leidenschaftlich: Womöglich dachten sie, dass engagierte Berichterstattung am traurigen Schicksal ihrer Länder etwas ändern könnte. Vermutlich haben sie sich geirrt. Was jedoch jede und jeder von ihnen erreichte: Sie haben sich in mein Herz gebohrt.

Nichts ist faszinierender als in einem fernen und verlorenen Winkel der Welt einen sympathischen Menschen, Gesprächs- und Gesinnungspartner zu finden. Es ist die Anti-Dosis für Überheblichkeit, Misanthropie und Rassismus: Ein Medikament gegen die Unsicherheit, die Angst und den Wahn. Ohne Fixer hätte ich die schönsten Glücksmomente des Korrespondentenlebens niemals erlebt: Dass das, was uns Menschen verbindet, viel wertvoller ist, als das, was uns trennt.

Johannes Dieterich berichtet für die Frankfurter Rundschau aus und über Afrika

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