1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Lehren aus dem Fall Schlesinger

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Richard Meng

Kommentare

Der RBB steht seit einigen Wochen stark in der Kritik.
Der RBB steht seit einigen Wochen stark in der Kritik. © Carsten Koall/dpa

Journalismus muss Ziele wie Transparenz in den Sendern herstellen, damit er weiterbestehen kann.

Journalistinnen und Journalisten sind keine besseren Menschen. Das zeigt sich wieder mal auch im bekannt gewordenen Vorgehen der Intendantin Patricia S., die mitgenommen hat, was eben ging – in einem Beruf, in dem Aufklärung und Wachsamkeit gegenüber Privilegien im Zentrum stehen. Eine Überraschung? Eigentlich nicht. Das Problem ist nicht so sehr, dass so etwas passieren konnte. Das Problem ist wie so häufig der Umgang damit. Und zwar allerseits.

Empörung, Aufklärungsforderungen: na klar. Aber ziemlich schnell kommen diejenigen auf die Bühne, die aus politischen oder aus Konkurrenzgründen bei jeder Gelegenheit den öffentlich-rechtlichen Rundfunk attackieren. Auch da sollte man misstrauisch werden. Denn ihn – und wenn möglich einen noch besseren, als er es bisher war – braucht das Land dringend in Zeiten, in denen freier, unabhängiger Journalismus wegen der wirtschaftlichen Krise der Printmedien eher auf dem Rückzug ist. Und ein Ideologe wie Thilo Sarrazin sich als der Vernünftige ausgibt.

Was das mit den Verfehlungen der Patricia S. zu tun hat? Es wäre schön, wenn man diese Frage mit einem Nichts beantworten könnte. Aber so, wie die Debatte geführt wird, geht es zu vielen um mehr als den Einzelfall. Und das liegt auch an der Verquastheit, mit der im öffentlich-rechtlichen Bereich mitunter Anpassungsprozesse an das vollzogen werden, was in der kommerziellen Welt niemanden stört. Eher mit dem Unterton „nicht laut drüber reden“. Aber eben doch, aus Angst vor Wettbewerbsnachteilen, scheibchenweise. Man denke nur an die Honorarhöhe für den einen oder anderen Promi-Experten auf dem Bildschirm.

Da sind Fragen aufgeworfen, die größer sind als die, wer nun genau in welchem Gremium sitzt und ob diese Gremien endlich genügend senderunabhängiges Personal bekommen, um zu kontrollieren. Es ist eine durchaus parallele Frage zu anderen öffentlich finanzierten Betrieben, bei denen zu Recht kritisch hingeschaut wird. Auch. Bei Vorgängen, die anderswo gang und gäbe sein mögen. Es geht da letztlich um das Verhältnis zwischen Autonomie und Kontrolle, wenn öffentliches Geld im Spiel ist.

Wie kann und muss ein freier, unabhängiger Journalismus mit dem sich wandelnden Anspruch der Gesellschaft umgehen, die selbst mitreden will? In den journalistischen Spitzenetagen ist die Lust auf Transparenz in eigener Sache nicht gerade ausgeprägt. Da bunkern sich manche auch ganz gerne ein – gerade daher kommt mitunter beim Publikum das Gefühl, da würden Leute sich für die Besseren halten.

Und dann sind da die Verwaltungsapparate, in denen Anpassung und Konfliktvermeidung nach innen und außen geradezu zum Erfolgskriterium wurde. Bürokratien letztlich wie in vielen Großfirmen, die sich an dem orientieren, wie es immer schon war.

Solche Systeme können beachtliche Leistungen zu Wege bringen. Der Hauptstadtsender RBB produziert gerade journalistisch Beachtliches zur jüngeren Zeitgeschichte Berlins. Und doch wird gerade er eingeholt von falschem Hierarchiedenken und Wegschaumentalität.

Ja, es ist eine dringende Herausforderung für das Selbstbild des Journalismus und seine Bereitschaft, das Prinzip der Transparenz auch auf sich anzuwenden. Die eigenen Ideen zu teilen, sie immer wieder zur Diskussion zu stellen. Nicht jede Berührung von außen abzuwehren, solange das eigene Produkt nicht fertig ist.

Es gibt da gute wie schlechte Gründe für die traditionelle Vorsicht. Die guten – Sicherung der Unabhängigkeit – muss man akzeptieren. Die schlechten – mangelnde Offenheit in eigener Sache bis hin zur Abkapselung – sollten überwunden werden. Schon lange, nicht erst seit den Eskapaden der Patricia S.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

Auch interessant

Kommentare