Die Nacht von Sevilla war allzu peinlich. Fußballdeutschland versteht die Welt nicht mehr.
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Die Nacht von Sevilla war allzu peinlich. Fußballdeutschland versteht die Welt nicht mehr.

Kolumne

Leblos

  • vonRichard Meng
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Direkte Parallelen zwischen Fußball und Politik sind Volkssport. Etwas daran stimmt oft, ins Rezepthafte ausgeweitet geht es meistens daneben. Die Kolumne.

Na klar, jetzt fallen sie alle über die leblose Nationalmannschaft her. Und natürlich über ihren nicht minder leblosen, längst verschlissenen Trainer. Die Nacht von Sevilla war allzu peinlich. Fußballdeutschland versteht die Welt nicht mehr. Auch wenn diese Entfremdung sich abgezeichnet hat. Genau wie die fußballerische Armut. Aber der perspektivlose Trainer bleibt, ab jetzt als gut bezahlter Sündenbock.

Auf dem Weg zur Leblosigkeit wird offenkundiges Siechtum gerne übersehen, ausgeblendet, schöngeredet. Erst wenn nichts mehr zu retten ist, haben es alle schon vorher gewusst – im Kommerzfußball wie im wirklichen Leben. So gesehen spiegeln die Frusterfahrungen rund um den Sportkonzern DFB wieder mal nicht nur Sportliches. Apropos Sport: Der mit eigener Bewegung ist ja wieder staatlicherseits unterbunden.

Was realer Sport und Profi-Blase miteinander zu tun haben? Die Projektion von Gefühlen auf Großereignisse basiert normalerweise auf Erleben im Alltag. Wenn das flachfällt, wird Fernsehsport noch mehr zum Kunstprodukt. Das kann eine Weile gutgehen, irgendwann aber fehlt die Basis. Die Besorgnis des Konzernmanagers Bierhoff, der von der dunklen Wolke sprach, hat hier einen sehr tiefen Grund.

Wenn nicht alles täuscht, ist in der Blase eine Lethargie zu spüren, die sich auch sonst über das Land zu legen droht. In der Shut-down-Gefühlswelt wird zwar gerne so getan, als liefe das Leben irgendwie weiter: muss ja.

Aber auch da ändert sich anfangs unterschwellig und dramatisch die Routine. Dem Bundestag muss man zwar noch nicht Leblosigkeit nachsagen. Aber die hurtige Art ist schon bezeichnend, wie dort Korrekturen am Infektionsschutzgesetz durchgewunken wurden, die im Wesentlichen nur dazu da sind, die Gerichte vom Kassieren von Regierungsmaßnahmen abzuhalten.

Es irrt, wer behauptet, die Parlamente würden bei Corona übergangen. Sie könnten jede Entscheidung an sich ziehen. Sie tun es nicht, es würde sie in jeder Hinsicht überfordern. Auch die kurzzeitmutigen Ministerpräsidenten, die am Montag der Kanzlerin in die Parade fuhren, weil sie wieder Vorgaben machen wollte, für die sie nicht zuständig ist, werden eine Woche später vieles von dem beschließen, was Angela Merkel auf dem Zettel hatte. Getrieben von den Coronazahlen in Verbindung mit Teamgeist-Beschwörungen durch Demoskopen und Medien.

Lebendig? Nun ja. Das System ächzt in dieser Ausnahmesituation. An Spielverständnis fehlt es, die Abwehr funktioniert nicht, die Kondition reicht bei eingeschränkter Laufleistung gerade noch so. Echte Führungsspieler sind selten, zumal unter den Nachwuchskräften. Dem kontaktarmen Spiel fehlt die Seele. Wer ab Herbst 2021 die Regierung trainiert, ist unklar.

Direkte Parallelen zwischen Fußball und Politik sind Volkssport. Irgendwas daran stimmt oft, ins Rezepthafte ausgeweitet geht es meistens daneben. So gesehen: Eine leblose Fußballelf ist doch nur eine Mannschaft, die gegnerische (Spanien) war hochlebendig. Was sich freilich in der Woche, in der jeder Kontakt ein Kontakt zu viel genannt wurde, anhand des zähen Endes der Ära Löw zeigt, ist zweierlei. Erstens: Wo keine Überzeugungskraft mehr ist, werden lange Amtszeiten zum Stimmungskiller. Zweitens: Abgehobenheit und Blasendasein schwächen Vertrauen und Leistung im Ganzen.

Nennen wir es nicht eine Parallele, sondern eine Erfahrung. Man muss nicht unbedingt abends leblosen Fußball sehen, um sie zu teilen.

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