Ein schwarzer Vogel sitzt auf dem Geländer eines Balkons
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Urlaub in Zeiten von Corona: Balkonien ist wieder in.

Michael Herls Kolumne

Leben mit und nach Corona: Vorwärts im Rückwärtsgang

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Es gilt als miefig und spießig, aber man wird ja mal fragen dürfen: Kann es sein, dass die Menschen früher genügsamer und zugleich zufriedener waren? Die Kolumne.

Eigentlich ist ja mal wieder alles ganz einfach – wenn wir es nicht so kompliziert machen würden. Schauen wir doch mal auf unsere Wünsche und Bedürfnisse.

Früher erschien tatsächlich alles einfacher. In der Regel gingen die Menschen zur Arbeit und hatten danach Feierabend. Den verbrachten sie daheim mit den Lieben oder mit Freunden beim Stammtisch, und am Wochenende aßen sie einen Braten. Einmal im Jahr hatten sie Urlaub. Den verbrachten sie im Schrebergarten oder am Meer oder an einem See oder in den Bergen.

Urlaub modern: Früher an die Nordsee - Heute in den Himalaya

Rückblickend könnte man dieses Gesamtverhalten als „Genügsamkeit“ bezeichnen, was eigentlich eine Tugend sein könnte, heutzutage aber eher den Ruch von altbacken, spießig und kleinkrämerisch hat. Der moderne Mensch hat nach „mehr“ zu streben, genug genügt ihm schon lange nicht mehr. So wie die Großen ein immerwährendes Wachstum predigen, wollen sich die Kleinen auch nicht mit Stillstand begnügen. Also voran.

So wurden Nordsee, Ostsee, Bayerischer Wald und Harz schnell zu klein. Man fuhr nun zuerst ans Mittelmeer oder in die Alpen, später in die Südsee oder in den Himalaya. Es reichte auch nicht mehr nur ein Urlaub im Jahr, es mussten zwei oder drei sein, zuzüglich diverser Kurztrips nach London, Rom oder New York.

Wurde ja alles immer billiger. Und Braten gab es nicht mehr nur einmal die Woche, sondern täglich. Fleisch kostete schließlich weniger als Gemüse, und ein Flug nach Malle war billiger als die Bahn nach Saßnitz. Und nun? Weiter? Oder vielleicht im Rückwärtsgang nach vorne?

In Zeiten von Corona über das Früher nachdenken

Ich kann mir nicht helfen, doch irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die Menschen früher aufgeräumter waren. Zufriedener. Aber das ist ja schon wieder so ein Unwort – das ich nun mal ganz bewusst benutze.

War das so, weil man mehr gesellschaftlich akzeptierte Grenzen und Regeln kannte – und die auch einhielt und befolgte? Dass man etwa geregelten Feierabend hatte und nicht immer im Business war? Dass man nur bis um halb sieben abends einkaufen konnte? Dass man mittags ruhte? Dass man drei Mahlzeiten im Kreis der Familie einnahm, ohne Fernsehen und offline – und dabei miteinander redete? Dass man nur telefonierte, wenn man auch etwas zu sagen hatte? Und dass man auch mal gar nichts machte, ohne dass es einem langweilig wurde?

Ich weiß, das klingt schon wieder ewiggestrig, miefig und so was von uncool. Aber in Zeiten des Virus darf man so etwas denken, finde ich. Denn es geschehen gerade nie geahnte Auswüchse, in beide Richtungen.

Die einen meinen, mit ohrenbetäubenden Motorrädern ihre Mitmenschen belästigen zu dürfen, andere werfen ihren Müll in Städte und Parks. Wiederum andere machen sich Gedanken über sich selbst, über die Zukunft des Individuums und des menschlichen Miteinanders, lokal, regional und global. Da gibt es jede Menge vernünftiger Ansätze. Zum Beispiel ein Weiter wie bisher, nur von allem viel weniger.

Bei vielen psychischen Erkrankungen gilt als Therapieziel die Strukturierung des Tages der Klienten, verbunden mit ständig wiederkehrenden Ritualen. Das bringt Ruhe ins Dasein und einen zu sich selbst, ganz ohne fernöstliche Heilslehren. Nun gelten Fortschrittsglaube und Wachstumswahn nicht als Geisteskrankheiten. Geheilt werden können sie dennoch.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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