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Landestypisch

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Von: Michael Herl

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Wir wissen nicht, was Erich Häberle unter typisch peruanisch versteht. Vielleicht so etwas?
Wir wissen nicht, was Erich Häberle unter typisch peruanisch versteht. Vielleicht so etwas? © Pilsak/Imago

Wenn eine deutsche Behörde prüft, ob ein peruanisches Restaurant angemessen ausgestattet ist, kann es zu Fehlschlüssen kommen. Die Kolumne.

Eigentlich ist es ja für viele Bereiche des täglichen Lebens von Vorteil, wenn Menschen kein flatterhaftes Wesen innewohnt. Für ein Miteinander en gros und en détail zum Beispiel, also in einem Gesellschaftsgebilde wie beispielsweise einem Staat genauso wie in einer Zweierbeziehung, etwa einer Ehe. Bei beiden ist eine gewisse charakterliche Beständigkeit der Teilnehmenden zwar kein Garant für Funktionalität, sie steht aber immerhin für einen gewissen Grad der Zielgerichtetheit der jeweiligen Konstellation.

Ein Musterbeispiel für den unbedingten Willen zur Wahrung des Ordentlichen und Wahrhaftigen sitzt laut einem Bericht im „Länderspiegel“ des ZDF in einer Behörde zu Stuttgart am Neckar. Ob es männlich, weiblich oder divers ist, ist nicht überliefert. Wir gehen mal der Intuition folgend und der Einfachheit halber von einem Mann aus und geben ihm den Namen Erich Häberle.

Erich Häberle geht einer verdienstvollen Tätigkeit nach, nämlich der, nennen wir es mal, „Authentizitätsprüfung von gastronomischen Betrieben“. Es gibt dafür sicherlich noch einen verschwurbelteren Begriff, doch der ist ebenfalls nicht überliefert.

Ebenso wenig, was Erich Häberle den ganzen Tag macht. Unserer Phantasie sind also nicht viele Grenzen gesetzt. Einen sachdienlichen Hinweis auf die Früchte seiner Arbeit offenbarte immerhin der Bericht im Fernsehen.

Der Inhaber eines Restaurants wollte nämlich Köstlichkeiten aus der Küche Perus anbieten, immerhin laut Kochgott Auguste Escoffier nach der französischen und der chinesischen die drittbeste der Welt.

Hierzulande hatte er aber keinen genügend qualifizierten Koch gefunden – wohl aber in dem Andenstaat, sogar einen mit bester Ausbildung und Erfahrung in ersten Häusern in vielen Teilen der Welt. Und er war willig, fortan in Stuttgart zu leben (das verstehe, wer will, ist hier aber nicht Thema).

Also beantragte er eine Arbeitserlaubnis – und wurde zum Fall für Erich Häberle. Der machte sich auf, besuchte das betreffende Lokal, prüfte akribisch und sah sich nicht in der Lage, dem Antrag des Gastronomen stattzugeben. Der Grund: Das Restaurant sei „sachlich schlicht“ und deswegen nicht „landestypisch“ eingerichtet.

Nun wissen wir nicht, was Erich Häberle unter typisch peruanisch versteht, denken aber voller Schrecken an die Horden ponchotragender Panflötisten, die uns einst den Aufenthalt in Fußgängerzonen versüßten und malen uns aus, wie Lokale bald aussehen, wenn Häberles Beispiel Schule macht.

Wir denken an Gondelzwang und Korbflaschenpflicht im italienischen Restaurant, behördlich angeordnete Sirtakitänze und Glaswürfe in der griechischen Gaststätte, Baskenmützen auf Kellnerköpfen in Bistros, Lotusfüße bei Verkäuferinnen im Chinaimbiss, einen Turbanerlass in Dönerbuden – und Lokale mit deutscher Küche haben natürlich unverzüglich Ölgemälde mit röhrenden Hirschen aufzuhängen und das Personal mit Dirndl und Lederhose zu bekleiden. Dass es unaufhörlich zu jodeln hat, versteht sich von selbst.

Immerhin: Nachdem sich der „Länderspiegel“ einschaltete, meldete die Bundesagentur für Arbeit, sie habe den Fall „erneut geprüft“. Das Lokal sei nun ein „Spezialitätenlokal“, und der Koch dürfe kochen. Ob Erich Häberle auch geprüft wurde, ist nicht bekannt.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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